Niedrigzinsen im Euroraum

Dr. Ewald Nowotny

Seit Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 sind die Zinsen sukzessive auf historische Tiefstände im Euroraum und damit auch in  Österreich gefallen. Niedrige Zinsen und geldpolitische Sondermaßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) sollen helfen, die Wachstumsschwäche im Euroraum zu überwinden. Alle diese Maßnahmen haben gewirkt: Die wirtschaftliche Prognose für Österreich zeigt 2017 erstmals wieder einen erfreulichen Aufschwung. 

Einerseits sind die Realzinsen – d. h. die Nominalzinsen abzüglich der Inflationsrate – gefallen, weil es im Vergleich zur Investitionstätigkeit einen Überhang an weltweiten Ersparnissen gibt. Andererseits ist es ein Erfolg der Zentralbanken, die es geschafft haben, die in langfristigen Zinsen enthaltenen Inflationserwartungen sowie die Inflationsrisikoprämien deutlich zu reduzieren.

Neben diesen Faktoren spielte auch die globale Finanzkrise, die 2007 in den USA mit der Subprime-Krise ihren Anfang nahm und den Euroraum schwer getroffen hat, eine entscheidende Rolle. In Folge von zwei Rezessionen (2009 sowie 2012/13) senkte das Eurosystem den Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte schrittweise auf ein historisch niedriges Niveau von 0 % (bzw. die Einlagefazilität auf –0,4 %), um Anreize für mehr Konsum und Investitionen zu schaffen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und in weiterer Folge wieder eine mittelfristige Inflationsrate von unter, aber nahe 2 % zu erreichen.


Wirtschaftliche Entscheidungen  abhängig von der Zinsentwicklung

Das Zinsniveau ist – neben der Nachfrageentwicklung – einer der Hauptbestimmungsfaktoren für wirtschaftliche Entscheidungen, wie jene von Unternehmen, Investitionen zu tätigen. Seit Beginn der Aufzeichnungen gab es ein derartig niedriges Nominalzinsniveau in der industrialisierten Welt noch nie. Allerdings ist nicht nur das Nominalzins-, sondern auch das Realzinsniveau relevant.

Die Realzinsen – Nominalzinsen abzüglich Inflation – unterscheiden sich allerdings nicht wesentlich zu vielen Zeiträumen, die wir in der Vergangenheit bereits durchlebt haben, wie  z. B. in den 70er-Jahren. Dieser Zeitraum war gekennzeichnet durch hohe Inflationsraten, das Realzinsniveau war aber damals deutlich niedriger als heute. Die reale Verzinsung täglich fälliger Spareinlagen fiel in Österreich in den 1970er-Jahren auf bis zu –6 %, weil die Inflationsraten zu jener Zeit bis zu 10 % erreichten. Im Vergleich dazu schwankten die Realzinsen für täglich fällige Spareinlagen im Jahr 2016 zwischen –0,5 % und –1 %.

 

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Niedrige Zinsen bringen Vorteile, aber auch Nachteile

Niedrige Zinsen begünstigen Schuldnerinnen und Schuldner – z. B. im Zusammenhang mit Wohnraumbeschaffung – weil ihre Zinsbelastung sinkt. Niedrige Zinsen bedeuten günstige Konditionen bei der Neukreditaufnahme. Die Kreditnehmer reagieren darauf, indem sie zunehmend – insbesondere bei Wohnbaukrediten – langfristig günstige Konditionen bei niedrigen Fixzinssätzen nachfragen.

Auf der anderen Seite bekommen Sparerinnen und Sparer weniger Zinsen für ihre Spar­einlagen. Man muss die niedrigen Nominalzinsen aber auch hier im Kontext zur niedrigen Inflationsrate sehen. Trotz der niedrigen Sparzinssätze stieg das Einlagenvolumen auch im Jahr 2016. In noch größerem Umfang als bisher wurde dabei in täglich fällige Einlagen veranlagt, nicht zuletzt aufgrund sinkender Zinsen bei längerfristig gebundenen Einlagen.

Ohne Zweifel hat das derzeitige niedrige Zinsniveau auch starke Auswirkungen auf die wichtigste Ertragskomponente für viele Banken, den Nettozinsertrag, insbesondere für kleinere Institute. Im Jahr 2016 ist das kumulierte  Zinsergebnis der österreichischen Banken um ein Fünftel gesunken. Die Kreditinstitute haben im europäischen Vergleich noch immer eine aus Sicht der OeNB zu hohe Relation der Kosten zu den Erträgen (Cost-Income-Ratio). Die derzeit gute Gewinnsituation sollte daher für Zukunftsinvestitionen verwendet werden. Gleichzeitig sollten die Bemühungen zur Kostenreduktion nicht nachlassen.

Unternehmen profitieren dagegen von günstigen Kreditzinsen für Investitionen. Dadurch wird sowohl die Schuldenbedienung als auch ein darüber hinausgehender Schuldenabbau erleichtert. Außerdem führt ein niedriges Zinsniveau in vielen Bereichen zu Bewertungsgewinnen (z. B. bei Immobilien oder bei bestehenden, höher verzinsten Anleihen), die das Vermögen der Wirtschaftssubjekte in diesen Bereichen positiv beeinflussen.

Positiv ist das niedrige Zinsniveau auch für die Staatshaushalte. Vorläufige Schätzungen zeigen, dass sich der österreichische Staatshaushalt im Zeitraum 2009 bis 2016 durch das niedrige Zinsniveau kumuliert rund 17 Mrd. EUR an Zinszahlungen erspart hat (1). Dieser Betrag hätte andernfalls durch geringere Staatsausgaben eingespart oder höhere Steuern finanziert werden müssen.

Das niedrige Zinsniveau hat also viele Facetten und eine Beurteilung sollte daher die gesamten Effekte – für Sparer einerseits, Kreditnehmer andererseits sowie die Effekte für die Volkswirtschaft – in Betracht ziehen.

 

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Geldpolitische Maßnahmen  und Wirkung

Die geldpolitischen Sondermaßnahmen der EZB, sowohl die niedrigen Zinsen als auch die Ankaufprogramme, verfolgen ein klares geldpolitisches Ziel: den zu niedrigen Inflationsraten, gepaart mit einem schwachen Wachstum, musste mit Entschiedenheit entgegengetreten werden, um ein Abgleiten in eine Deflations­spirale zu verhindern.

Diese Maßnahmen sollten zudem die Entschlossenheit der Geldpolitik der EZB demonstrieren, ihr Preisstabilitätsziel erreichen zu wollen. Auf diesem Weg kann Vertrauen geschaffen und ein stabilisierender Effekt auf die Inflationserwartungen ausgeübt werden. Insbesondere ist es gelungen, die Gefahr einer Deflation abzuwehren. Die Krise hat deutlich gemacht, dass hohe Schuldenstände die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft im Krisenfall schwächen. Ein zusätzlicher Nutzen des aktuell niedrigen Zinsniveaus besteht darin, dass es den Schuldenabbau erleichtert.

Geldpolitische Entscheidungen  des EZB-Rats

Auf der Grundlage der regelmäßigen wirtschaftlichen und monetären Analyse hat der EZB-Rat am 8. Juni 2017 beschlossen, die Leitzinsen der EZB unverändert zu lassen. Der EZB-Rat hat jedoch seine „forward guidance“ leicht verändert. Die EZB wird das beschlossene Ankaufsprogramm von Anleihen von derzeit 60 Milliarden Euro pro Monat wie geplant bis zum Jahresende fortsetzen. Das Programm wird so lange ausgeführt, bis eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennbar ist und mit dem Inflationsziel der EZB im Einklang steht. Dessen ungeachtet wird der EZB-Rat sich in den nächsten Monaten mit der weiteren Vorgangsweise befassen und Änderungen rechtzeitig kommunizieren.

Ausblick 2017

Die österreichische Wirtschaft befindet sich 2017 in einem sowohl von der inländischen als auch der ausländischen Nachfrage getragenen Aufschwung. Die gesamtwirtschaftliche Pro­gnose für Österreich bis 2019 zeigt nach oben. Das Wachstum des realen BIP beschleunigte sich bereits im Jahr 2016 auf 1,4 % und wird 2017 2,2 % betragen. Für die Jahre 2018 und 2019 wird ein Wachstum von 1,7 % bzw. 1,6 % erwartet. Gegenüber der Prognose der OeNB vom Dezember 2016 stellt dies eine Aufwärtsrevision um 0,7 bzw. 0,2 und 0,1 Prozentpunkte dar.

Die Inflationsrate steigt im Jahr 2017 – getrieben vor allem von der Entwicklung der Rohstoffpreise – auf 2,0 %; 2016 lag sie bei  1,0 %. Für 2018 wird ein leichter Rückgang auf 1,8 % erwartet. Trotz des deutlichen Konjunkturaufschwungs geht von den inländischen Determinanten der Inflationsentwicklung nur ein moderater Inflationsimpuls aus. 2017 scheint die Krise langsam überwunden zu sein. Der gesamtstaatliche Budgetsaldo wird sich bis 2019 weiter auf –0,5 % des BIP verbessern. Die gesamtstaatliche Schuldenquote entwickelte sich 2016 erstmals seit Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wieder rückläufig und wird bis 2019 weiter sinken.

Die Aussichten der österreichischen Wirtschaft haben sich für 2017 deutlich verbessert, das Wachstum Österreichs wird heuer erstmals seit 2013 stärker als das des Euroraums ausfallen.

(1) Berechnungen der OeBFA, Der Standard, 2. Dezember 2016


Dr. Ewald Nowotny ist Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank.