Thema: Finanzmarktaufsicht

Bestandener Stresstest ist gute Basis

Dr. Johann Strobl, Risikovorstand der RZB, Heft 12/2014

Strobl Der RZB-Konzern hat die strengen Vorgaben von EZB und EBA beim Stresstest er-wartungsgemäß übertroffen. Das erfreuliche Abschneiden hat positive Auswirkungen, bringt aber auch neue Herausforderungen für die RZB.

6.000 detaillierte Fragestellungen, die in einem intensiven Prozess zwischen der Raiffeisen Zentralbank (RZB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) abzuklären waren und in deren Bearbeitung in Summe mehr als 18.000 Personentage flossen, über ein Jahr harte Arbeit unter enormem Zeitdruck: diese Zahlen verdeutlichen, welch hohen Stellenwert das Comprehensive Assessment in der RZB eingenommen hat. Ein Assessment, bestehend aus einem Stresstest, den die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA durchführte, sowie dem Asset Quality Review (AQR) durch die EZB (siehe Kasten).
Der Stresstest wurde seinem Namen durchwegs gerecht, doch am Ende eines stresserprobten Jahres können wir ein zufriedenstellendes Resümee ziehen: der enorme Aufwand hat sich gelohnt, denn sowohl die RZB mit ihren Beteiligungen als auch die slowakische Tatra Banka aus dem Raiffeisen Bank International-Netzwerk haben bestanden. Ebenso meisterten die Raiffeisen Landesbanken Niederösterreich-Wien und Oberösterreich die Prüfung bravourös; sämtliche geprüfte Banken des Raiffeisen-Sektors haben somit positiv abgeschlossen.

Vorgaben zum Kernkapital deutlich übertroffen

Beim Stresstest wurde sowohl ein Basisszenario auf Grundlage der Bilanzen 2013 als auch ein Stressszenario getestet, bei dem starke Schwankungen bei makroökonomischen und finanzwirtschaftlichen Variablen wie Bruttosozialprodukt, Inflation, Arbeitslosenquote, Zinsen sowie Aktienpreise simuliert wurden. Im Basisszenario erreichte die RZB eine Eigenkapitalquote (Common Equity Tier 1 Ratio) von 9,48%. Gefordert waren 8%. Im ungünstigen Szenario beträgt die CET1 Ratio der RZB 7,77% – und liegt ebenso deutlich über den geforderten 5,5%. Somit hat die RZB in beiden Szenarien die vorgeschriebenen Eigenkapitalquoten deutlich übertroffen. Dies entsprach unseren Erwartungen.

Anpassungen von 724 Mio. Euro für RZB

Der AQR brachte Anpassungen in der Höhe von 724 Mio. Euro. 489 Mio. Euro davon entfallen auf Pauschalwertberichtigungen, hinzu kommen 193 Mio. Euro an Einzelwertberichtigungen und 43 Mio. Euro, die sich aus der Hochskalierung von Erkenntnissen ableiten. Die Anpassungen sind vorrangig auf unterschiedliche Berechnungsmodelle zurückzuführen: die EZB verwendet in ihrem Berechnungsmodell nur einen Zeitraum von einem Jahr – also 2013. Wir ziehen einen Zeitraum von fünf Jahren in Betracht, um so einen gesamten Konjunkturzyklus zu berücksichtigen. Zusätzlich wurden im AQR – der wie beschrieben Jahresultimo 2013 als Stichtag setzte – Einzelwertberichtigungen, die im laufenden Geschäftsjahr 2014 bereits gebildet wurden, nicht berücksichtigt. Wir sehen keinen zusätzlichen Wertberichtigungsbedarf aus den Ergebnissen des AQR, da unsere Methoden IFRS-konform (International Financial Reporting Standards) und von unserem Wirtschaftsprüfer abgesegnet sind.

EZB ist unser neuer Bankenprüfer

Da die RZB seit Anfang November 2014 nun auch von der EZB geprüft wird, sehen wir die bestandenen Tests als gute Basis für die Zusammenarbeit. Auch in unserem Haus wurden in den vergangenen Monaten tourliche Prozesse betreffend unserer Zusammenarbeit mit der Europäischen Aufsicht geschaffen bzw. gestärkt. Die EZB ihrerseits konnte umfassende Informationen über die von nun an durch sie zu prüfenden Banken sammeln. Wir sehen der gemeinsamen Europäischen Aufsicht prinzipiell positiv entgegen. Speziell für die RZB-Gruppe, die in 15 Märkten Zentral- und Osteuropas aktiv ist und von unterschiedlichen Aufsichtsbehörden geprüft wird, kann eine gemeinsame Aufsicht Synergien schaffen.

25 Banken haben nicht bestanden

Mehr als 6.000 Experten unterzogen über 800 unterschiedliche Kreditportfolios der einzelnen Banken einer eingehenden Prüfung, wobei sie unter anderem die Kreditqualität von 119.000 Schuldnern der europäischen Großbanken unter die Lupe nahmen. Die Untersuchung erstreckte sich auf die 130 größten Banken im Euro-Währungsraum, deren Aktiva sich mit Jahresultimo 2013 gemeinsam auf 22 Billionen Euro beliefen. Dies entspricht 82% der gesamten Bankenaktiva im Euroraum. Von den heimischen Geldinstituten bestanden außerhalb des Raiffeisen Sektors die BAWAG und die Erste Group – die Österreichische Volksbanken-AG hingegen verfehlte die Vorgaben. Die Ergebnisse belegen das robuste Geschäftsmodell der RZB, denn gerade für unseren Heimmarkt Zentral- und Osteuropa galten im Vergleich zu anderen europäischen Regionen sehr harte Stressszenarien.
Die EZB hat jene 25 Banken, die nicht bestanden haben, auf eine Lücke beim Kernkapital von 25 Mrd. Euro sowie eine Wertberichtigung der Aktiva von insgesamt 37 Mrd. Euro hingewiesen; der Gesamteffekt aus dem Asset Quality Review beträgt also 62 Mrd. Euro.
Für die Bankenbranche allgemein spricht, dass zwölf der 25 Banken bereits am Tag der Veröffentlichung der Stresstestergebnisse (26. Okt. 2014) ihre Kapitallücken geschlossen hatten. Den anderen bleiben noch neun Monate Zeit, entsprechende Maßnahmen zu setzen.

Bruttoinlandsprodukt im adversen Szenario (= „Stressszenario“)
(Kleine Auswahl an Staaten, deren BIP simuliert wurde)
 2014 2015  2016
Belgien –0,2 –1,5 0,0
Deutschland –0,9 –1,7 0,3
Spanien –0,3 –1,0 0,1
Frankreich –0,4 –1,1 0,4
Italien –0,9 –1,6 –0,7
Niederlande –0,5 –1,5 0,5
Österreich –0,2 –1,5 –0,1
Großbritannien –0,8 –1,3 0,6
Russland –3,2 –7,1 –7,8
Tschechische Republik –1,6 –3,0 –0,6
Ungarn 0,1 –1,9 –0,9
Slowenien –1,8 –1,3 –0,2
Slowakei –1,0 –2,4 –2,1
Euro-Zone –0,7 –1,4 0,0
Europäische Union –0,7 –1,5 0,1

Vertrauen in Banken weiterhin stärken

Die Ergebnisse von AQR und Stresstest stimmen uns optimistisch für die Zukunft. Das klare Bestehen sämtlicher Institute des Raiffeisen-Sektors sowie einer überwiegenden Mehrheit der getesteten Großbanken kann eine Image-Korrektur ins Positive unterstützen. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio unterstrich in einer ersten Reaktion sogar, dass die Ergebnisse auch förderlich für die Kreditvergabe in Europa und das Wirtschaftswachstum sein werden.
Zahlreiche Kennzahlen, die wir erstmalig erheben mussten, ermöglichen wesentliche Schlussfolgerungen und machen unmittelbare Vergleichswerte zu anderen europäischen Großbanken sichtbar. Am Ende dieses einjährigen und extrem zeitintensiven Prozesses erfüllt es uns doch mit ein wenig Stolz, die harte Prüfung bestanden zu haben. Zum Zurücklehnen und Ausruhen gibt es allerdings wenig Anlass: auch künftig ist mit weiteren intensiven Prüfungen durch die EZB zu rechnen, denen wir mit großer Zuversicht entgegen sehen. Nun liegt es an der gesamten Branche, auf den Erfolgen der Tests aufzubauen und unvermindert hart zu arbeiten, um das Vertrauen der Bevölkerung in das Bankwesen weiterhin zu stärken.

Zusammenfassung

  • Der Konzern der Raiffeisen Zentralbank hat den Stresstest der EZB klar bestanden – sowohl im Basisszenario als auch in einem sehr ungünstigen Stressszenario wurden die ge-forderten Kapitalquoten deutlich übertroffen.
  • Neben der RZB haben die Landesbanken NÖ-Wien sowie OÖ und die Tatra Banka aus dem RBI-Netzwerk die Tests ebenfalls problemlos gemeistert.
  • Die Ergebnisse belegen das robuste Geschäftsmodell der RZB, denn gerade für unseren Heimmarkt Zentral- und Osteuropa galten sehr harte Stressszenarien.
  • Das Comprehensive Assessment der EZB kostete die RZB enorme Ressourcen von insgesamt 18.000 Personentagen während der vergangenen zwölf Monate. Die bestandenen Tests sind aus Sicht der RZB ein gelungener Einstieg in die Zusammenarbeit mit der EZB als neuen Bankenprüfer. Sie beweisen die Solidität und Stabilität des RZB-Konzerns.

 

Umfassende Bewertung (= Comprehensive Assessment)
Die umfassende Bewertung, welche die beiden Komponenten AQR und Stresstest zusammenführte, zielte auf eine Stärkung der Bankbilanzen, eine Verbesserung der Transparenz und die Stärkung des Vertrauens in den Banken-sektor ab.

Asset Quality Review (AQR)
Im Rahmen der von der EZB und den nationalen Behörden durchgeführten AQR wurde geprüft, ob die Aktiva in den Bankbilanzen zum 31. Dezember 2013 ordnungsgemäß bewertet wurden. Die AQR ermöglichte einen länderübergreifenden Vergleich der Banken, da anstatt der bis dahin divergierenden Konzepte bei der Beurteilung der Bilanzen harmonisierte Definitionen und eine einheitliche Methodik angewandt wurden.

Stresstest
Der Stresstest wurde von den teilnehmenden Banken, der EZB und den nationalen Behörden in Zusammenarbeit mit der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (European Banking Authority – EBA) durchgeführt. Die EBA entwickelte auch die Methodik für den Stresstest, während das adverse Szenario vom Europäischen Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board – ESRB) in Zusammenarbeit mit den nationalen Behörden, der EBA und der EZB erarbeitet wurde. Im Basisszenario und in der AQR mussten die Banken eine CET1-Quote von mindestens 8 % erfüllen, im adversen Szenario galt eine CET1-Quote von mindestens 5,5 %. Der Stresstest liefert keine Prognosen über zukünftige Ereignisse. Es handelt sich vielmehr um eine Aufsichtsmaßnahme, bei der die Widerstandsfähigkeit der Banken in einem schwierigeren Konjunkturumfeld geprüft wurde. (Quelle: EZB)