Thema: Finanzmarktaufsicht

Das neue SREP-Verfahren

Mag. Klaus Kumpfmüller, Heft 5/2016

Kumpfmüller Der Supervisory Evaluation and Review Process (SREP) rückte in jüngerer Vergangenheit ins Zentrum der Europäischen Bankenaufsicht und bestimmt schon jetzt die Aufsicht über bedeutende Institute sowie künftig auch jene über weniger bedeutende Institute.

Hintergrund und Rahmenbedingungen

Gemeinsamer Ausgangspunkt und Rahmen für alle Kreditinstitute bzw. Aufsichtsbehörden in der EU sind die von der Europäischen Bankenbehörde (EBA) erlassenen Leitlinien für gemeinsame Verfahren und Methoden für die Funktionsweise des SREP (EBA-Leitlinien), zu deren Anwendung sich die EZB ebenso wie die FMA sowie alle anderen Aufsichtsbehörden verpflichtet haben. Bis 1.1.2016 waren die in den Leitlinien festgelegten Verfahren und Methoden in die Aufsichtspraxis zu implementieren. Heuer werden daher die ersten österreichischen weniger bedeutenden Institute von der FMA/OeNB nach der neuen Methodologie überprüft und bewertet.
Zur Sicherstellung einheitlicher Aufsichtspraktiken und eines Level-Playing-Field innerhalb der Eurozone entwickelt die EZB derzeit im Rahmen ihrer indirekten Aufsichtskompetenz in Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichtsbehörden eine harmonisierte SREP-Methodik für weniger bedeutende Institute. Zentrales Instrument ist die Verwendung eines gemeinsamen Risikoanalysesystems. Die Arbeiten werden allerdings voraussichtlich erst im Jahr 2017 abgeschlossen, sodass die Ergebnisse frühestens 2018 vollumfänglich zum Tragen kommen werden.

Grundlagen und Ziele des SREP

Im Rahmen des SREP hat die Aufsicht die Regelungen, Strategien, Verfahren und Prozesse, die ein Institut zur Einhaltung der Aufsichtsanforderungen eingerichtet hat, zu beurteilen. Darüber hinaus sind alle wesentlichen bankgeschäftlichen und bankbetrieblichen Risiken, denen ein Institut ausgesetzt ist oder ausgesetzt sein könnte, sowie dessen Eigenmittel- und Liquiditätsausstattung zu bewerten. Ziel ist es einerseits festzustellen, ob bzw. inwieweit unter Berücksichtigung der Art, des Umfangs und der Komplexität der betriebenen Bankgeschäfte ein angemessenes und wirksames Risikomanagement sowie eine hinreichende Risikoabdeckung gewährleistet sind. Andererseits gilt es, die zur Bedeckung der identifizierten Risiken und Behebung der festgestellten Mängel oder Verstöße erforderlichen Aufsichts- und gegebenenfalls Frühinterventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Kategorisierung der Institute

Erster Schritt im SREP ist die Einstufung aller beaufsichtigten Institute in eine von vier Kategorien. Die Kategorisierung der Institute hängt von deren Größe, Struktur und internen Organisation sowie der Art und Komplexität ihrer Geschäftstätigkeit ab; sie soll das vom Institut ausgehende Risiko für das Finanzsystem reflektieren. Die in den EBA-Leitlinien vorgesehenen Kategorien 1 bis 4 werden in bedeutende Institute (Kategorie 1) sowie High-, Medium- und Low-Priority oder weniger bedeutende Institute (Kategorie 2, 3 bzw. 4) eingeteilt.

Proportionalität und Risikoorientierung

Die Kategorie eines Instituts bestimmt grundsätzlich über die Intensität und die Granularität des SREP, aber auch über die Frequenz, in der es von der Aufsicht zu überprüfen und bewerten ist. Während bei Instituten der Kategorie 1 jährlich ein vollumfänglicher, alle Analysebereiche umfassender SREP durchzuführen ist und dieser eine gesonderte Bewertung sämtlicher materieller Risiken und Risikokomponenten einschließt, kann die SREP-Frequenz bei Instituten der Kategorie 2 auf alle zwei Jahre reduziert werden. Institute der Kategorien 3 und 4 müssen zumindest alle drei Jahre einem vollumfänglichen SREP unterzogen werden. Werden Institute im Rahmen der laufenden Aufsicht „auffällig“ (wie insbesondere im Falle erheblicher Verschlechterung der Finanzlage oder [drohender] Verletzung der Aufsichtsanforderungen, aber z.B. auch bei Vertrieb neuartiger Produkte, Aufnahme grenzüberschreitender Geschäfte oder aggressiver Expansion), ist eine frühere bzw. häufigere Überprüfung und Bewertung des Instituts vorzunehmen, wobei diese mit höherer Intensität durchzuführen ist.
Umgekehrt kann die Beurteilung einzelner Analysebereiche bei Instituten mit ähnlichen Risikoprofilen (etwa aufgrund homogener Geschäftsmodelle, geringer Größe und einfacher Struktur) statt auf Einzelinstitutsbasis auf aggregierter Basis erfolgen. Institute mit abweichenden oder komplexen Geschäftsmodellen sowie Institute mit überdurchschnittlichen Risiken oder sonstigen Auffälligkeiten werden ausnahmslos einem eigenständigen SREP unterzogen.
Untrennbar mit der Entwicklung der SREP-Methodologie für weniger bedeutende Institute verbunden ist die Anwendung des Proportionalitätsprinzips. Die österreichische Aufsicht setzt sich für die proportionale Ausgestaltung und Anwendung des SREP und damit für eine risikoorientierte Aufsicht ein, um der heterogenen Bankenlandschaft in Österreich mit seiner Vielzahl kleiner und mittlerer Institute angemessen Rechnung zu tragen. Besondere Berücksichtigung im SREP verdient dementsprechend die Zugehörigkeit eines Instituts zu bewährten Einrichtungen der dezentralen Sektoren (wie z.B. Liquiditätsausgleich/-verbund, sektorweite Risikomanagement- und Früherkennungssysteme, Solidaritätsmechanismen und institutionelle Sicherungssysteme). Von zentraler Bedeutung für einen risikoorientierten SREP-Ansatz ist zudem die ordnungsgemäße Aufgabenwahrnehmung der zuständigen Revisionsverbände als externe Kontrollinstanz und insbesondere im Bereich der Früherkennung. Sofern sektorweite Vorgaben (wie z.B. Leitfäden bzw. Richtlinien) bestehen und von den Instituten auch tatsächlich angewendet werden, kann es vorerst in Bezug auf kleine und mittelgroße Institute zur Versendung eines mehrere Institute umfassenden SREP-Fragebogens an den jeweils zuständigen Prüfungsverband kommen. Wesentliche Voraussetzung für eine risikoorientierte Ausgestaltung und Anwendung des SREP ist die frühzeitige und akkurate Information durch die Revisoren sowie die Kooperation und Regeltreue der beaufsichtigten Institute.

Die neue SREP-Methodologie im Überblick

Die EBA-Leitlinien verlangen eine ganzheitliche Überprüfung und Bewertung der Risiken und Risikokontrollen des Instituts anhand der folgenden vier Elemente:
1. Analyse des Geschäftsmodells
2. Beurteilung der internen Governance und des Risikomanagements
3. Beurteilung der Kapitalrisiken und der Kapitaladäquanz
4. Beurteilung der Liquiditäts- und Refinanzierungsrisiken und der Angemessenheit der Liquiditätsausstattung
Die Geschäftsmodellanalyse fokussiert auf die Geschäfts- und strategischen Risiken und dient dazu, die Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells eines Kreditinstituts in den nächsten 12 bis 36 Monaten zu überprüfen und zu bewerten. Nicht nur das aktuelle Geschäftsmodell gilt es daher zu analysieren, sondern auch die zukunftsgerichtete Strategie und Finanzplanung des Kreditinstituts soll bewertet und Schwachstellen hierin ausgelotet werden, ohne jedoch ein bestimmtes Geschäftsmodell gegenüber einem anderen zu bevorzugen.
Die Beurteilung der internen Governance und der institutsweiten Kontrollen umfasst den gesamten internen Kontrollrahmen einer Bank. Dazu gehören neben den Rahmenwerken für die interne Governance und das Risikomanagement die Unternehmens- und Risikokultur, die Zusammensetzung und Arbeitsweise von Geschäftsleitung und Aufsichtsrat, die Vergütungspolitik und -praxis sowie die Innenrevision. Darüber hinaus fließen die Auslagerungspolitik und -praxis sowie die Sanierungsplanung in die Beurteilung mit ein. Die umfassende Bewertung der Kontrollstrukturen soll die Aufsicht in die Lage versetzen, zu bewerten, ob die Governance- und Kontrollstrukturen geeignet sind, die Risiken aus dem Geschäftsmodell zu adressieren und ob das Institut die Anforderungen an gute interne Governance und Risikokontrolle einhält.
Im Rahmen der Bewertung der Kapitalrisiken sind nicht nur die Risiken umfassend einzuordnen, sondern auch die entsprechenden Kontroll- und Managementkapazitäten einer Bank zu beurteilen. In Zusammenschau mit den Ergebnissen der von der Bank selbst durchgeführten Risikoanalyse (im Rahmen des ICAAP), den Risiken aus der Analyse des Geschäftsmodells und der internen Governance und dem Ergebnis des seitens der Aufsicht durchgeführten Stress-Tests, wird im Rahmen der SREP-Kapitalbewertung die institutsspezifische Kapitalanforderung, die SREP-Gesamtkapitalanforderung als Summe der Eigenmittelanforderungen gemäß Säule 1 und Säule 2, ermittelt und die Adäquanz der Kapitalausstattung beurteilt.
Im Rahmen der Bewertung von Liquiditäts- und Refinanzierungsrisiken werden analog zur Bewertung der Kapitalrisiken die individuellen Risiken, das Risikomanagement und die Kontrollen eines Instituts bewertet, und zwar jeweils einzeln sowie anschließend gesamthaft. Daran schließt die SREP-Liquiditätsbewertung an, im Rahmen derer insbesondere der ILAAP beurteilt wird und auf deren Basis die Aufsicht qualitative oder quantitative Maßnahmen (z.B. höhere LCR oder bestimmte Zusammensetzung der liquiden Aktiva) ergreifen kann.
Allen vier SREP-Elementen ist gemein, dass sie einer regelmäßigen Risikoüberprüfung und -bewertung mittels aufsichtlicher Risikoanalysesysteme (Risk Assessment Systems – RAS) unterzogen werden. Die quantitative Beurteilung der Risiken basiert auf ausgewählten Kennzahlen aus dem aufsichtlichen Meldewesen sowie weiteren Daten, die – in Österreich – mittels eines standardisierten „SREP-Fragebogens“ erhoben werden. Dieser speziell auf weniger bedeutende Institute ausgerichtete Fragebogen stellt auch die wesentliche Grundlage für die qualitative Analyse dar. Abgeschlossen wird die Überprüfung und Bewertung der einzelnen Elemente stets mit einer Einstufung des Instituts, indem jeweils „Scores“ von 1 (kein erkennbares -Risiko) bis 4 (hohes Risiko) vergeben und begründet werden. Dieser Beurteilungsprozess im Zuge des RAS wird mit dem Ziel einer einheitlichen Vorgehensweise nun stärker standardisiert. Die Scores dienen als Ausgangsbasis für die weitergehende institutsspezifische Analyse.
Am Ende des SREP sind im Rahmen einer Gesamtbeurteilung quantitative sowie qualitative Aufsichtsmaßnahmen abzuleiten. Dies wird in der Regel die Festlegung zusätzlicher Eigenmittelanforderungen umfassen. Aber auch andere Maßnahmen, wie beispielsweise Aufträge zur Verstärkung der Kontrollsysteme bzw. des Risikomanagements, können im Zuge des SREP erforderlich werden. Dies reicht bis zur Einleitung von Frühinterventionsmaßnahmen, die bei einem schlechten Gesamtscore (als Maß für die Bestandsfestigkeit eines Instituts) grundsätzlich indiziert sind. Damit schlägt der neue SREP den Bogen zwischen der laufenden Säule-2-Überwachung sowie Sanierung und Abwicklung.

 

Grafik

Quartalsweises Monitoring

Zusätzlich zu der umfassenden Beurteilung der verschiedenen Elemente des SREP erfolgt grundsätzlich ein quartalsweises Monitoring ausgewählter finanzieller und nichtfinanzieller Schlüsselrisikoindikatoren, die aus dem Meldewesen für jedes Institut abgeleitet werden. Damit ist das Ziel verbunden, etwaige Veränderungen in der finanziellen Situation und dem Risikoprofil der beaufsichtigten Institute frühzeitig zu erkennen und im gegebenen Fall durch entsprechende Maßnahmen reagieren zu können.

Schlussbemerkung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Umsetzung der EBA-Leitlinien eine große Herausforderung sowohl für die Aufsichtsbehörden als auch für die Kreditwirtschaft darstellt. Gemeinsames Ziel ist es jedoch, durch weitgehende Harmonisierung auf hohem Niveau ein Level-Playing-Field zu erreichen und das Vertrauen in die Finanzmärkte weiter zu vertiefen, ohne hierbei den Proportionalitätsgedanken aus den Augen zu verlieren.

Mag. Klaus Kumpfmüller ist Vorstand der Österreichischen Finanzmarktaufsicht.