Thema: Finanzmarktaufsicht

FMA Aufsichts- und Prüfschwerpunkte 2020

Kumpfmüller Mag. Klaus Kumpfmüller, Heft 1/2020

Die FMA hat auf Basis einer mittelfristigen Risikoanalyse ihre Aufsichts- und Prüfschwerpunkte für das Jahr 2020 erstellt und veröffentlicht. Neben Digitalisierung, kollektivem Verbraucherschutz und Sauberkeit des Finanzplatzes Österreich stehen neue Geschäftsmodelle, Governance sowie die Krisenfestigkeit der Institute im Fokus. 

Mittelfristige Risikoanalyse für Aufsichtsschwerpunkte

Die FMA führt jährlich eine mittelfristige Risikoanalyse durch, um Risiken zu identifizieren und Trends zu analysieren, und daraus in weiterer Folge konkrete Aufsichts- und Prüfschwerpunkte abzuleiten. Diese mittelfristige Risikoanalyse zeigt folgende kritische Themenbereiche auf: Herausforderung drohende geopolitische Rezession, Herausforderung Niedrigzinsumfeld, Herausforderung digitaler Wandel, Risikofaktor Geldwäsche, Herausforderung Nachhaltigkeit und Herausforderung Kollektiver Verbraucherschutz.

Themenbereiche im Fokus

Die Konjunktur trübt sich ein – die konjunkturellen Rahmenbedingungen werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich schwieriger werden. Einige Experten sprechen bereits von einer drohenden geopolitischen Rezession – ausgelöst und verschärft durch geopolitische Spannungen und eine Krise des Multilateralismus.

Darüber hinaus bergen das anhaltende Niedrigzinsumfeld und die zum Teil bereits negativen Zinsen Risiken für die Finanzmarktstabilität. Unternehmen sind gefordert – bestehende Geschäftsmodelle erweisen sich als weniger rentabel und für Kunden teilweise unattraktiv. Viel Liquidität in den Märkten lässt Blasenbildungen in bestimmten Assetklassen befürchten.

Neben diesen beiden volkswirtschaftlichen Faktoren stellt der digitale Wandel eine weitere große Herausforderung für die Finanzmarktteilnehmer dar. So stellt er einerseits die Geschäftsmodelle vieler etablierter Anbieter in Frage, etwa indem neben das bewährte Modell des „Relationship Bankings“, bei dem die Kundenbeziehung im Vordergrund steht, das Konzept des „Transaction Bankings“ tritt, bei dem der Kunde aus einem Universum standardisierter Produkte – oft über digitale Vertriebskanäle – das für ihn günstigste auswählt. Andererseits bringt der digitale Wandel auch viele neue Mitbewerber für etablierte Anbieter. Als Aufsicht steht die FMA hier vor der doppelten Herausforderung sowohl sicherzustellen, dass sich etablierte Anbieter dem technologischen Wandel stellen, Risiken adressieren und Chancen nutzen, als auch sicherzustellen, dass der digitale Wandel in geordneten Bahnen verläuft. Die FMA bekennt sich dabei zu Technologieneutralität – das heißt, gleichgültig in welcher Technologie eine Finanzdienstleistung angeboten wird, sie muss gleich reguliert und gleich beaufsichtigt sein. Es gilt: „Gleiches Geschäft, gleiches Risiko, gleiche Regeln!"

In Zusammenhang mit diesen neuen wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen wird einerseits viel Freiraum für Kreativität und Innovation geschaffen, doch andererseits schaffen diese Entwicklungen auch Bereiche, in denen Regulierung und Aufsicht nicht greifen und sich kriminelle Strukturen entwickeln können. Das stellt die Aufsicht vor neue Herausforderungen: mit der Welt der Krypto-Assets entwickelt sich ein Paralleluniversum zur etablierten Finanzwirtschaft, in dem es bis auf wenige Schnittstellen bisher kaum Regulierung und Aufsicht gab.

Auch klimatische, ökologische und soziale Veränderungen können für Finanzmarktteilnehmer gravierende Risiken mit sich bringen und müssen daher von den Akteuren entsprechend adressiert werden. Aus diesem Grund wird die FMA gemäß ihres risikoorientierten Aufsichtsansatzes auch das Prinzip der Nachhaltigkeit in der laufenden Aufsicht verstärken und systemisch berücksichtigen.

Und schließlich bringen alle diese genannten Risiken auch große Herausforderungen für Verbraucher, Anleger und Sparer mit sich – insbesondere das anhaltende Niedrigzinsumfeld und der digitale Wandel: Verbraucher profitieren zum Beispiel als Kreditnehmer von niedrigen Zinssätzen, als Sparer und Anleger ist allerdings das Gegenteil der Fall. Ein anderes Beispiel ist der digitale Wandel, welcher immer schnelleren und bequemeren  Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglicht, doch gleichzeitig die Gefahr birgt, dass Verbraucherschutzhinweise einfach weggeklickt werden und Verbraucher durch unüberlegtes Klicken auf ihre Rechte verzichten. Darüber hinaus bedarf es auch Antworten auf die Frage wie sichergestellt werden kann, dass nicht-digitalaffine Bevölkerungsgruppen weiterhin gesicherten Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Es zeigt sich also, dass diese vielseitigen Herausforderungen durch einen konstanten, fokussierten und technologieneutralen kollektiven Verbraucherschutz begleitet werden müssen.

 

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Die Aufsichts- und Prüfschwerpunkte im Detail

Vor dem Hintergrund der erläuterten Herausforderungen setzt die FMA im Jahr 2020 in ihrer operativen Aufsichtsarbeit folgende Aufsichts- und Prüfschwerpunkte:

Den kollektiven Verbraucherschutz ausbauen

Aufbauend auf den oben beschriebenen Herausforderungen Niedrigzinsumfeld und digitaler Wandel setzt die FMA verschiedene Maßnahmen, um den kollektiven Verbraucherschutz weiter auszubauen. Der Fokus 2020 liegt dabei insbesondere auf der Weiterentwicklung der bereits erfolgreich implementierten Initiativen zur Schaffung von Kostentransparenz, sowie auf der Stärkung der integrierten Vertriebsaufsicht. Die FMA wird Vertriebsmodelle zusätzlich dahingehend überwachen, ob Verbraucherschutzbestimmungen eingehalten werden; Praktiken zum Nachteil der Anleger und Verbraucher werden identifiziert und konsequent verfolgt. Weiters werden Market Monitoring und Marktbericht – welcher Erkenntnisse aus verschiedenen Aufsichtsbereichen zusammenführt und Trends für die Aufsichtstätigkeit ableitet, um gegebenenfalls angemessene Aufsichtsmaßnahmen setzen zu können – ausgebaut. Schließlich liegt ein weiterer Schwerpunkt im Bereich Verbraucherschutz darauf, die Finanzkompetenz der Verbraucher zu verbessern –  etwa indem zusätzliche Informationskanäle genutzt werden, um eine möglichst große Anzahl an Verbrauchern zu erreichen und alle Maßnahmen der FMA zu Financial Literacy unter dem Titel Finanz ABC zusammengefasst und kommuniziert werden.

Die Governance der beaufsichtigten Unternehmen stärken

Eine schwache und ungenügende Governance schädigt nicht nur das öffentliche Vertrauen in den Finanzmarkt, sondern kommt den Unternehmen auch teuer: Seit Ausbruch der Finanzkrise haben Banken weltweit Strafgelder in der Höhe von € 270 Mrd. wegen Fehlverhalten bezahlt. Ebenso können behäbige Entscheidungsstrukturen die Profitabilität von Unternehmen verringern. Die FMA hat daher bereits in den vergangenen Jahren regulatorisch viel Augenmerk auf die Verbesserung der internen Governance sowie der Unternehmens- und Risikokultur gelegt, und setzt auch 2020 Schwerpunkte in diesem Bereich. Der Fokus liegt dabei auf Governance im Unternehmensverbund sowie auf dem Zusammenwirken verschiedener Compliance-Funktionen in den Unternehmen – eine starke Unternehmens-Governance muss auf allen Ebenen gelebt werden. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wandels und daraus resultierender neuer Geschäftsmodelle wird die FMA auch prüfen, ob die Governance der Unternehmen an etwaige neue Geschäftsmodelle angepasst wurde, und ob die Anpassungen zeitgerecht erfolgt sind. Ebenso wird ein Fokus auf Daten-Governance gelegt und der sorgsame Umgang mit Daten geprüft. Mit einigen Unternehmen wird die FMA Governance Workshops abhalten und dabei Governance-Strukturen analysieren und maßgeschneiderte aufsichtliche Erwartungshaltungen kommunizieren.

Chancen der Digitalisierung nutzen, Risiken adressieren

Durch die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen verändern sich die Rahmenbedingungen am Finanzmarkt so schnell und grundlegend wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Für die FMA ist es wichtig sowohl Chancen als auch Risiken dieser Entwicklungen möglichst konkret zu erkennen, zu analysieren und geeignete Maßnahmen rasch treffen zu können. Bereits 2019 hat die FMA eine umfassende Digitalisierungsstudie veröffentlicht, die einen sektorübergreifenden Überblick über die Einsatzbereiche digitaler Technologien und deren Auswirkungen auf den österreichischen Finanzmarkt gibt. Die Ergebnisse dieser Studie spiegeln sich auch in den Prüfschwerpunkten wider und liegen auf IT-Strategie und IT-Security, IT-Infrastrukturen und Cloud Services. Außerdem konzentriert sich die FMA auf die digitale Vernetzung von Marktteilnehmern und sich daraus ergebende Konzentrationsrisiken. Aus der Digitalisierung resultierende wechselseitige Abhängigkeiten und Verflechtungen sowie Risikokonzentrationen werden erfasst und systematisch dargestellt, um potenzielle Ansteckungskanäle frühzeitig zu erkennen.

Die Krisenfestigkeit der Finanzdienstleister stärken

Im Bereich der Krisenfestigkeit der Finanzdienstleister legt die FMA den Fokus im Jahr 2020 auf die Themenbereiche Non-Performing Loans (NPLs), die Abwicklungsfähigkeit der Institute und die Stärkung der interinstitutionellen Zusammenarbeit im Hinblick auf das Krisenmanagement.

Obwohl die NPL-Quote seit 2014 konstant rückläufig ist, ist der vom Europä­ischen Rat 2017 beschlossene Aktionsplan zur Reduktion der NPLs noch nicht vollständig umgesetzt und abgeschlossen. Somit wird die FMA weiterhin den NPL-Abbau bei Banken konsequent begleiten.

Weiters liegt in Zusammenhang mit Krisenfestigkeit ein Schwerpunkt auf der Abwicklungsfähigkeit der Institute. Erstmals wird ein nationaler „Dry Run“, also die Simulation einer Abwicklung, durchgeführt. Das Ziel dessen ist, die Vertrautheit mit inhaltlichen und Prozessabläufen im Krisenfall zu testen und zu analysieren. Außerdem soll in diesem Zusammenhang die  interinstitutionelle Zusammenarbeit zwischen FMA und anderen Stakeholdern – wie etwa der Oesterreichischen Nationalbank, dem Bundesministerium für Finanzen, der Einlagensicherung und den Marktinfrastrukturen – gestärkt werden.

Neue Geschäftsmodelle regulatorisch und aufsichtlich begleiten

Als Aufsicht muss die FMA sicherstellen, dass sich sowohl etablierte Anbieter dem technologischen Wandel stellen, als auch, dass der technologische Wandel in geordneten Bahnen abläuft und neue Teilnehmer in das Aufsichtsuniversum einbezogen werden. Entsprechend fokussiert die FMA 2020 darauf, neue Player und Geschäftsmodelle – wie etwa Security Tokens als neue Assetklasse am Kapitalmarkt, Tauschplattformen, Wallet Provider und ähnliches – zu analysieren und regulatorisch zu beurteilen. Ein weiterer Schwerpunkt im Bereich Geschäftsmodelle liegt darauf, Herausforderungen welche sich durch die Plattformökonomie ergeben, zu beleuchten. Die FMA wird außerdem weiterhin etablierten und neu in den Markt eingetretenen Anbietern aufsichtsrechtliche Guidance zu technologiebedingten regulatorischen Fragestellungen anbieten, etwa durch die eigens eingerichtete Kontaktstelle FinTech. Vorbehaltlich der Beschlussfassung durch den Gesetzgeber wird eine „Regulatory Sandbox“ bei der FMA eingerichtet, in welcher ausgewählte innovative Unternehmen ihr Geschäftsmodell zeitlich befristet in einer regulatorisch geschützten Umgebung aufbauen können.

Die Sauberkeit des Finanzplatzes sichern

Ein sauberer Finanzplatz ist Grundlage für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort und enorm wichtig für das Vertrauen in die Akteure am Finanzmarkt. Daher müssen alle Beteiligten für diese Sauberkeit kämpfen. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung, in welcher immer weniger Hürden für den Vertrieb bestehen, und des Niedrigzinsumfeldes, durch welches Anbieter unter erhöhtem Druck stehen, neue oder zusätzliche Ertragsquellen zu finden, fokussiert die FMA darauf, unzulässige Vertriebspraktiken in allen Sektoren – auch unter Einbeziehung des grenzüberschreitenden Geschäfts – zu identifizieren und dagegen vorzugehen. Ein weiterer Fokus im Bereich sauberer Finanzmarkt liegt auf der konsequenten Fortsetzung der „Null-Toleranz-Politik“ im Bereich der Prävention von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung. Mit 10. Jänner 2020 bezieht der Gesetzgeber Tauschplattformen von virtuellen Währungen und Wallet Provider in die gesetzlichen Verpflichtungen zur Prävention der Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung mit ein und überträgt die Kompetenz zur Aufsicht darüber der FMA. Die Umsetzung der Bestimmungen in diesem neuen Aufsichtsbereich stellt somit einen weiteren Schwerpunkt dar. 

Integrierte Aufsicht als Antwort auf vielfältige Herausforderungen

Das Modell der integrierten Finanzmarktaufsicht bewährt sich. Als integrierte Aufsichtsbehörde beobachtet und analysiert die FMA den Finanzmarkt als Ganzes – sektorübergreifend, und aus allen Blickwinkeln: aus mikro- und makroprudenzieller Perspektive, aus der Analyse der Zahlenwerke sowie der Beobachtung des Verhaltens der Manager und Mitarbeiter, aus Sicht der Anbieter wie auch der Kunden. Entwicklungen, Wechselwirkungen und potentielle Ansteckungskanäle werden kritisch beobachtet und analysiert, einzelne Puzzlesteine zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Dieses „Big Picture“ ermöglicht es der FMA die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Stabilität des Finanzmarktes sicherzustellen und das Vertrauen aller Marktteilnehmer in dessen Ordnungsgemäßheit zu stärken.

Mag. Klaus Kumpfmüller ist Vorstand der Österreichischen Finanzmarktaufsicht.