Thema: Finanzmarktaufsicht

Bankgeschäft ist Risikomanagement

Prof. Dr. Andreas Grünbichler, Heft 6/2004

Bankgeschäft ist Risikomanagement. Diese Feststellung gilt für Kreditinstitute genauso wie für die Aufsicht. Wie stark dies für den Bankensektor gilt, möchte ich im Folgenden mit einer kursorischen Darstellung der wichtigsten Risikoarten und der Methoden zu ihrer Erkennung bzw. Messung ansprechen. Inwieweit das sehr unterschiedliche Exposure der österreichischen Kreditinstitute in den unterschiedlichen Risikokategorien auf der anderen Seite ein risikosensitives Vorgehen der Aufsicht in Regelwerk und dessen laufender Umsetzung verlangt, möchte ich ebenfalls diskutieren.

Beginnen wir mit dem klassischen Risiko im Bankgeschäft, dem Kreditrisiko. Bis Basel II dieses Thema intensiver aufgegriffen hat, gab es für dieses offensichtlichste aller Risiken nur grobe aufsichtsbehördliche Vorgaben bezüglich eines von den Kreditinstituten zu installierenden Kreditrisikomanagementsystems. Zum Problem kommt es hier im wesentlichen dann, wenn die kalkulierten Risikokosten von den tatsächlichen Risikokosten überstiegen werden. Die Messung dieses Risikos erfolgt in Form des Credit-Value-at-Risk, einem mit vorgegebener Wahrscheinlichkeit zu erwartenden maximalen Ausfallrisiko.

Anders das Marktrisiko, welches das Risiko der Teilnahme an liquiden Märkten und damit das Preisänderungsrisiko am Kapitalmarkt darstellt. Seine Behandlung wurde bereits in Ergänzung zur Umsetzung zur ersten Kapitaladäquanzrichtlinie aufsichtsbehördlich berücksichtigt. Auch hier dient der Value-at-Risk als Exposure-Mass, mit dem der maximal zu erwartende Verlust aus Finanzgeschäften als aussagekräftige Messgrösse abgebildet wird.

Ein langfristiges Risiko im Bankgeschäft ist das Zinsänderungsrisiko, welches mit Basel II auch im Bankbuch zu messen sein wird. Gefährlich ist hierbei das Sinken der Zinsspanne bei gleichbleibender Kapitalbindung bzw. ein Sinken der Barwerte des gesamten Zinsbuches. Gemessen wird dieses Risiko mit dem Basis Point Value bzw. der Duration des relevanten Wertpapierportefeuilles.

Das Wechselkurs- bzw. Fremdwährungsrisiko, welches früher vor allem das klassische Risiko bei Währungsgeschäften war, ist heute dank der grossen Beliebtheit des Fremdwährungskredits zum Risiko des „Häuslbauers“ mutiert. Wenngleich Vorgaben bezüglich offener Devisenpositionen das Fremdwährungsrisiko eingrenzen können, erfolgt über die Kundenseite – nämlich dadurch, dass ein Kredit in Fremdwährung aushaftet, die Rückzahlungsquelle und allfällige Sicherheiten aber ihren Wert in der Heimwährung haben – ein „Reimport“ dieses Risikos über das Kreditrisiko. Soweit ein Verlust des Kunden aus der Fremdwährungs-Bewertung seine Fähigkeit beeinträchtigt, die Tilgungsvereinbarung einzuhalten, kann ein Bewertungsbedarf beim Fremdwährungskredit entstehen. Zu messen ist das Risiko ebenfalls nach der Methode des Value-at-Risk bzw. des Credit-Value-at-Risk. Die FMA hat diese Risken zu veranschaulichen versucht und dazu Beispiele gerechnet, die zeigen, dass dieses Risiko keineswegs weit hergeholt und auch nicht zu unterschätzen ist. Mit dem FMA-Mindeststandard für die Vergabe von Fremdwährungskrediten wurde auf die Problematik für Kreditnehmer und damit indirekt für das vergebende Kreditinstitut eingegangen (siehe www.fma.gv.at unter „Rechtliche Grundlagen“).

Das Liquiditätsrisiko, das Risiko dass die permanente Zahlungsbereitschaft der Bank künftig nicht gegeben sein könnte, ist aufsichtsrechtlich im § 25 des BWG verankert. Allerdings wird hier nur eine kurzfristige Liquiditätsbetrachtung angewandt bzw. die Annahme postuliert, dass innerhalb vertretbarer Fristen Vermögensgegenstände liquidiert werden können. Zur Modellierung des Liquiditätsrisikos, das in der (temporären) Zahlungsunfähigkeit ihren Ausdruck findet, die allein schon aus einem „Sturm auf die Bank“ resultieren kann, dienen statische und dynamische Gap-Analysen.

Gesamtbankrisiko

Wesentlich nachhaltiger als das Liquiditätsrisiko vermag das Solvenzrisiko den Fortbestand eines Instituts zu gefährden. Während bei einer lediglich temporären Unterversorgung mit liquiden Mitteln der Interbankenmarkt oder aber die Notenbank helfend einschreiten kann, liegt in einer Situation, die abstrakt damit umschrieben werden kann, dass das benötigte „Economic Capital“ das verfügbare Eigenkapital übersteigt, praktisch der Konkurs einer Bank vor. Das Risiko also, dass die Kapitalausstattung dem übernommenen Risiko nicht mehr angemessen ist – das „Gesamtbankrisiko“ – ist einer der wesentlichen Anknüpfungspunkte der Aufsichtsnormen im weltweiten Bankensystem. So orientiert sich auch die Mindest-Eigenkapitalausstattung nach Basel II am Economic Capital und soll damit eine akzeptable Risikotragfähigkeit der Institute in Abhängigkeit von ihrem Risikoappetit sicherstellen bzw. den Risikoappetit bei geringer Tragfähigkeit entsprechend zügeln.

Während die bisher angeprochenen Risikoarten im wesentlichen bankgeschäftliches Risiko und auch relativ gut messbar sind, ist das bankbetriebliche oder operationale Risiko – das Versagen von Personen, Prozessen oder Systemen – das von Basel II ebenfalls berücksichtigt und für das auch eine Unterlegung erforderlich sein wird, einer klaren Messung für die Modellierung nicht ohne Weiteres zugänglich. Konkrete Beispiele wären etwa Schadenersatz für Fehler im Bankablauf, Verluste in den eigenen Assets durch fehlerhafte Abläufe oder aber die klassische Malversation durch Mitarbeiter eines Instituts. Die Modellierung dieser Risikoart ist vor allem wegen der seltenen Großschäden schwierig. Ansätze dazu sind in Messungen für die Eintrittswahrscheinlichkeit von Fehlern zu sehen, die monetäre Folgen haben, oder aber in der Modellierung eines VaR für Betriebsrisiken bzw. Mitarbeiterrisiken.

Zur Vermeidung operationaler Risiken kann neben vorbeugenden organisatorischen Vorkehrungen nur die laufende Kontrolle und Überwachung zum Erfolg führen. Im Bankwesengesetz beschäftigen sich insbesondere § 5 (Geschäftsleitereigenschaften), § 39 (Begrenzung des bankbetrieblichen Risikos) und § 42 BWG
(int. Revision zur Kontrolle der Systeme und Abläufe) mit der Thematik.

Aspekte der Aufsicht

Nach dieser Beschreibung der wesentlichen Risikoarten möchte ich nun zum Umgang der Aufsicht mit diesen Aspekten des Bankgeschäftes kommen.

Die Ausichtstätigkeit der FMA bewegt sich seit ihrer Gründung von einer reinen Rechtsaufsicht, also der Kontrolle der Einhaltung des Buchstabens der relevanten Materiengesetze, hin zu einer materiellen Aufsicht über die Eignung der Prozesse in den beaufsichtigten Instituten. Damit befindet sich die FMA in Einklang mit einem internationalen Trend zur Unterstützung von Best Practices und berücksichtigt bereits die Anforderungen der zweiten Säule von Basel II in gewisser Weise. Da es sich aber um die Formulierung allgemein anerkannter Grundsätze einer umsichtigen Betriebsorganisation und –führung handelt, sind diese mit und ohne Basel II Best Practice in Organisation und Prozessgestaltung. Eine Orientierung an solchen Leitlinien ist also keinesfalls ein Schritt in die falsche Richtung. In einer ersten Reaktion auf auffällige Marktentwicklungen wurden, wie erwähnt, im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit der OeNB Mindeststandards zur Vergabe und Gestionierung von Krediten in Fremdwährungen und unter Verwendung eines Tilgungsträgers erstellt.
War bisher die allgemeine Sorgfaltspflicht der Geschäftsleitung Anknüpfungspunkt, so ist es aktuelle Tendenz, konkrete Qualitätskriterien für den Prozessablauf durch Aufsichtsbehörden vorzugeben. Derartige Richtschnüre sollen dem Praktiker die Orientierung an den Erwartungen der FMA als Aufsichtsbehörde erleichtern, ohne zum Instrument der Rechtssetzung in Form von Verordnungen oder ähnlichem zu greifen, sodass die Flexibilität der Anpassung an neue Gegebenheiten nicht verloren geht.

Mindestanforderungen an das Kreditgeschäft

Ein weitergehender Mindeststandard als die beiden genannten sind die in Deutschland von der BAFin herausgegebenen und durchaus kontrovers diskutierten Mindestanforderungen an das Kreditgeschäft (MaK), das Handelsgeschäft (MaH) und an die Ausgestaltung der Internen Revision der Kreditinstitute. In diese Richtung wird auch die FMA gehen, dabei allerdings die Struktur des heimischen Marktes berücksichtigen.
Die wesentlichen Eckpunkte der MaK sind einerseits allgemeine Anforderungen an die Verantwortung der Geschäftsleitung, die Formulierung einer Kreditrisikostrategie, an Organisationsrichtlinien, die Qualifikation der Mitarbeiter, Kreditgeschäfte in neuartigen Produkten oder auf neuen Märkten und schliesslich Anforderungen an die Dokumentation.

Konkret wird auf die Organisation des Kreditgeschäfts eingegangen: Ein wesentlicher, in kleinen Instituten aber mit Schwierigkeiten behafteter Aspekt ist die Funktionstrennung, welche Voraussetzung für die Zustimmungspflicht zur Kreditvergabe von Markt und Marktfolge ist. Weiters werden Anforderungen an die Prozesse bei Kreditgewährung, Kreditweiterbearbeitung, Kreditbearbeitungskontrolle, Intensivbetreuung, die Behandlung von Problemkrediten und – last, but not least – an die Risikovorsorge formuliert.

Für Risikoklassifizierungsverfahren, die zur Identifizierung, Steuerung und Überwachung der Risiken im Kreditgeschäft notwendig sind, werden ebenfalls Best Practices formuliert, die sich – neben allgemeinen Anforderungen an die Verfahren – mit den Verfahren zur Früherkennung von Risiken, der Begrenzung der Risiken im Kreditgeschäft, dem Berichtswesen und mit Rechts- und Betriebsrisiken befassen.

Auslagerungen

Besondere Bedeutung für Österreich hat speziell bei kleinen Instituten und in den dezentralen Sektoren der Aspekt der Auslagerung von Prozessen, sodass auf diese besonders einzugehen sein wird.
Bankgeschäft ist Risikomanagement. Nicht das ganze übernommene Risiko muss in der Bank verbleiben. Strategien zur Vermeidung, zum Hedging oder zum Transfer von Risiken können die Risikotragfähigkeit eines Institutes erhöhen. Da auch hier der Markt keineswegs stillsteht und sich neue und komplexe Produkte am Markt etablieren, muss auch die Aufsicht entsprechend handeln.

Prof. Dr. Andreas Grünbichler ist Vorstandsdirektor der Finanzmarktaufsicht (FMA), die als integreierte Aufsichtsbehörde die österreichischen Banken, Versicherungen, Pensionskassen und den Wertpapiersektor beaufsichtigt. Prof. Grünbichler vertritt Österreich im Committee for European Banking Supervisors (CEBS), Committee für Insurance and Occupational Pension Supervisors (CEIOPS) und in der International Association of Insurance Supervisors (IAIS).