Thema: Finanzmarktaufsicht

Der "Fremdwährungskredit" nach der globalen Finanzkrise

Vorstandsdirektor Mag. Helmut Ettl, Heft 4/2010

ettl Die Fremdwährungsfinanzierungen sind bei österreichischen Konsumenten seit den Neunziger Jahren äußerst beliebt, insbesondere zum Zweck der Finanzierung der privaten Wohnraumschaffung. Die Finanzmarktaufsicht (FMA) warnt jedoch bereits seit 2003 vor den Risiken dieser Finanzierungsform. In Folge der Finanzkrise werden nun die FMA-Mindeststandards verschärft, um bestehende und künftige Risiken zu begrenzen.

Österreich nahm bei den Fremdwährungskrediten lange Zeit eine Sonderstellung auf den internationalen Kreditmärkten ein, da der Anteil der Fremdwährungsfinanzierung im Vergleich zur Finanzierung in der nationalen Währung überdurchschnittlich hoch war, ja, ein Vielfaches im Vergleich zu anderen Staaten betrug. Mit der Eroberung der Märkte im Osten exportierten die österreichischen Banken dieses Finanzierungsmodell auch in die Staaten Zentral-, Ost- und Südosteuropas. Angesichts der zusätzlichen Risiken, die diese Finanzierungsform birgt, haben aber Oesterreichische Nationalbank (OeNB), Internationaler Währungsfonds (IWF) und Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) immer wieder vor der Risikokumulierung bei diesem Finanzinstrument gewarnt – und zwar sowohl die Banken als auch die Verbraucher. Zusätzlich zu den mit der Fremdwährungsfinanzierung verknüpften Risiken ist der überwiegende Teil (rund zwei Drittel) auch noch als endfällige Kredite (während der Laufzeit sind nur die Zinsen zu bedienen) mit Tilgungsträgern zur Kapitalrückzahlung ausgestaltet. Die globale Finanzkrise hat nun drastisch vor Augen geführt, wie rasch die Risiken schlagend werden können und welche dramatischen Auswirkungen ihre Kumulierung haben kann – und zwar für die Kreditnehmer wie für die Kreditgeber. 

In Zeiten des Booms ließ der beachtliche Zinsvorteil des Schweizer Franken und des japanischen Yen gegenüber dem Euro-Zinsniveau bei gleichzeitig permanent steigenden Börsen die Banken und ihre Kunden die kumulativen Risiken dieser so beliebten Finanzierungsform offensichtlich in den Hintergrund drängen.

Anbetracht der inhärenten Risiken hat aber die FMA nicht nur laufend öffentlich gewarnt, sie hat bereits im Oktober 2003 „Mindeststandards für die Vergabe und Gestionierung von Fremdwährungskrediten“ (FMA-MS-FX) und „Mindeststandards für die Vergabe und Gestionierung von Krediten mit Tilgungsträgern“ (FMA-MS-TT) veröffentlicht. Diese Mindeststandards hielten die Kreditinstitute bereits an, bei diesem Produkt besonderes Augenmerk auf das Risikomanagement und die Risikobegrenzung zu legen sowie die Kunden entsprechend sorgfältig zu informieren.

Weder der Wechselkurs der Fremdwährung, noch die Entwicklung eines anfänglichen Zinsvorteils, noch die Performance des angesparten Tilgungsträgers sind im Vorhinein abschätzbar. Mit einer an die Konsumenten gerichteten und breit gestreuten Informationsbroschüre, die FMA, OeNB und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) 2005 gemeinsam herausgegebenen haben, wurden die Risiken der Fremdwährungskredite und der Tilgungsträger einfach und verständlich dargestellt sowie deutlich darauf hingewiesen, dass es sich dabei letztlich um ein „Spekulationsgeschäft mit hohen Risiken“ handelt.

Die Finanzmarktkrise hat die zusätzlichen mit Fremdwährungs- und Tilgungsträgerkrediten einhergehenden Risiken sowohl für die Banken als auch für die Verbraucher verschärft sichtbar gemacht, aber auch zuvor unterschätzte und nicht ausreichend beachtete Risiken in den Fokus gerückt: Bei den Banken ist dies insbesondere das Refinanzierungsrisiko und das Konzentrationsrisiko sowie das Rechts- und Reputationsrisiko, da vertraglich vereinbarte Absicherungsklauseln wie Euro-Konvertierung und Liquiditätsaufschläge aufgrund des Drucks der öffentlichen Meinung nicht durchsetzbar waren. Bei den Kunden rückte neben dem Währungs- und dem Zinsrisiko vor allem das Vermögenspreisrisiko des Tilgungsträgers schmerzhaft ins Bewusstsein. 

Das Volumen der Fremdwährungskredite, die an private Haushalte in Österreich vergeben wurden, macht rund ein Drittel der gesamten ausständigen Kreditverbindlichkeiten aus – dies ist wie gesagt im internationalen Vergleich äußerst hoch. Diese Tatsache stellt zusätzlich ein gravierendes makroökonomisches Problem für Österreich dar und birgt ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die Finanzmarktstabilität. IWF und Weltbank, aber auch Rating-Agenturen in ihren Instituts- wie Länderanalysen greifen diesen Umstand zunehmend kritisch auf.

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Weitere Maßnahmen der Finanzmarktaufsicht

Die FMA hat daher in der schwierigsten Phase der Finanzkrise, exakt am 10. Oktober 2008, der Kreditwirtschaft nachdrücklich empfohlen, keine Fremdwährungskredite mehr an private Haushalte zu vergeben. Die Aufsicht entsprach hier ihrem gesetzlichen Auftrag, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben auf das volkswirtschaftliche Interesse an einem funktionsfähigen Bankwesen und an der Finanzmarktstabilität Bedacht zu nehmen (§ 69 Abs. 1 BWG). Bisherige Beobachtungen haben gezeigt, dass dieser dringenden Empfehlung von den Banken auch geschlossen nachgekommen wurde, was nicht zuletzt im Sinne eines einheitlichen „level playing field“ (fairer Wettbewerbsbedingungen) einen Erfolg darstellt.

Größenordnungen und Entwicklung im Zeitablauf

Wie die Grafik zeigt, entfalten die Maßnahmen die beabsichtigte Wirkung: Der Fremdwährungsanteil an den Gesamtausleihungen inländischer privater Haushalte ist seit dem vierten Quartal 2008 konstant rückläufig und hat sich seit dem vierten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahr um rund 1,6 Prozentpunkte reduziert. Dem gegenüber verringerte sich der Fremdwährungsanteil inländischer Kunden (Nichtbanken) an den Gesamtausleihungen (Unternehmen eingeschlossen) um etwa 0,8 Prozentpunkte – liegt jedoch weiterhin auf einem hohen Niveau von rund 17 %, zumal im internationalen Vergleich Werte unter 5 % den Regelfall darstellen. Absolut gesehen verringerte sich im Jahresvergleich das Fremdwährungskreditvolumen sowohl inländischer Kunden (Nichtbanken) als auch privater Haushalte und erreichte ein Niveau von € 52,3 Mrd. bzw. € 35,7 Mrd. (mit etwa 250.000 Kreditnehmern dieser Finanzierungsform).

Entwicklung der Tilgungsträger

Weiterhin besonderer Beachtung bedarf die Entwicklung der Tilgungsträger (TT). Ende 2008 betrug das ausstehende Volumen endfälliger Kredite mit Tilgungsträger (TTK) an private Haushalte rund € 32 Mrd. Eine FMA/OeNB-Erhebung im ersten Halbjahr 2009 hat gezeigt, dass rund drei Viertel des TT-Volumens direkten Marktrisiken ausgesetzt sind: der größte Teil in Form von fondsgebundenen Lebensversicherungen, zu einem geringeren Teil als Veranlagung in Investmentfonds und anderen Produkten wie Immobilienfonds, Hedgefonds und Derivativfonds. 

Kernaussage der TT-Erhebung ist, dass die Tilgungsträger in Summe nicht den für die Tilgung der Kreditschuld benötigten Ertrag erwirtschaften konnten: Das in den TT akkumulierte Kapital liegt empfindlich unter dem Wert, welchen es laut Tilgungsplan erwirtschaften sollte. Zum Jahresende 2008 betrug die Deckungslücke bei privaten Haushalten in Summe beträchtliche 14 % (4 Mrd. €). In einzelnen Produkten bzw. Produktkategorien liegt die Deckungslücke allerdings zum Teil noch deutlich darüber. Es ist daher aus heutiger Sicht anzunehmen, dass das im Tilgungsträger angesparte Kapital zur Rückzahlung der Kredite in vielen Fällen nicht ausreichen wird. Viele Kunden werden daher für die Rückzahlung des Kapitals erhebliche zusätzliche Mittel aufbringen müssen, die Banken müssen sich auf erhöhte Kreditausfälle einstellen. 

FMA und OeNB werden diese Entwicklung weiterhin sehr kritisch beobachten.

Ergänzung zu den FMA-Mindeststandards

Angesichts der Auswirkungen der Finanzmarktkrise hat die FMA die Banken bereits ebenso nachdrücklich wie erfolgreich aufgefordert, keine neuen Fremdwährungskredite mehr zu vergeben. Als nächsten Schritt hat sie im Dialog mit den Banken ein weiterführendes Konzept entwickelt, mit dem Ziel, auch das bestehende hohe Volumen derartiger Finanzierungen noch vor dessen Abreifen spürbar zurückzufahren. Wegen der kumulativen Risiken und der systemischen Relevanz der Fremdwährungs- und Tilgungsträgerkredite muss es das Ziel sein, die bankgeschäftlichen Risiken in Bezug auf das Gesamtvolumen von Fremdwährungskrediten an private Haushalte deutlich zu reduzieren. 

In Abwägung aller möglichen Maßnahmen stellte es sich als am Zweckmäßigsten heraus, die aus dem Jahre 2003 stammenden Mindeststandards FMA-MS-FX und FMA-MS-TT zu erweitern. Auch dieser Schritt erfolgte in Weiterführung des gesetzlichen Auftrages an die Aufsicht, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben auf das volkswirtschaftliche Interesse an einem funktionsfähigen Bankwesen und an der Finanzmarktstabilität zu achten (§ 69 Abs. 1 BWG). Die Begrenzung der bankgeschäftlichen Risiken im Sinne des § 39 Bankwesengesetz (BWG) ist als Teil dieses Auftrages zu sehen. Die Veröffentlichung dieser Ergänzung der bestehenden FMA-Mindeststandards erfolgte am 22. März 2010.

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Die neuen Mindeststandards wurden am 23. 3. 2010 bei einer Pressekonferenz vorgestellt.

 

Wichtigste Eckpunkte der ergänzenden Mindeststandards

Adressatenkreis: Im Fokus dieser Mindeststandards stehen die Verbraucher, da es sich gezeigt hat, dass diese Gruppe mit Produkten „Endfälliger Kredit – Fremdwährung – Tilgungsträger“ besonders von den Auswirkungen der Finanzmarktkrise getroffen wurde. 

Der Fremdwährungskredit darf kein Massenprodukt mehr sein: Als eines der zentralen Ziele wird eine nachhaltige Reduktion des bundesweiten Gesamtvolumens von Fremdwährungskrediten an Verbraucher angestrebt. Dementsprechend muss dieser den Status als standardisiertes Massenprodukt verlieren und wird künftig nur nach streng definierten Kriterien vergeben. 

Die Neuvergabe ist nur innerhalb engster Kriterien möglich: Eine Neuvergabe kann etwa an Personen mit ausreichendem Einkommen in der Fremdwährung erfolgen, wie z. B. Vorarlberger, die in der Schweiz arbeiten. Auch an vermögende Privatkunden bester Bonität kann eine Neuvergabe erfolgen. Inwieweit ein Kunde unter diese Gruppe fällt, hängt von dessen frei verfügbarem Einkommen/Vermögen und anderweitigen finanziellen Verpflichtungen ab und wird von den Banken von Fall zu Fall anhand kreditinstitutsinterner Leitlinien zu entscheiden sein. Weiterhin möglich ist die Vergabe an Kreditnehmer, die Einnahmen in der Fremdwährung erwarten und diese für die Tilgung des Kredits verwenden werden; hierbei wäre etwa ein Verkauf von im Ausland gelegenen Liegenschaften denkbar.

Aus für Fremdwährungskredite mit kapitalaufbauendem Tilgungsträger: Diese Art der Finanzierung soll zukünftig für Verbraucher nicht mehr angeboten werden. 

Endfällige Kredite: Stehen dem Kreditnehmer grundsätzlich abgesicherte Vermögenswerte zur Verfügung, welche die Tilgung des Kredits gewährleisten können, kann ein endfälliger Kredit in begründeten Fällen an Verbraucher vergeben werden. Ein Beispiel wäre etwa ein endfälliger Kredit gegen Verpfändung von Gold, Schmuck oder sonstigen Werten.

Erhöhte Sorgfalt der Bank bei Tilgungsträgern: Das Angebot von Eurokrediten mit kapitalaufbauendem Tilgungsträger ist zwar weiterhin an Verbraucher möglich, muss aber mit besonderer Sorgfalt seitens der Kreditinstitute erfolgen. Dabei soll insbesondere darauf geachtet werden, dass der Tilgungsträger seinen Zweck (Abdeckung der Schuld am Laufzeitende) entsprechend erfüllen kann. 

Reduktion des gesamten Volumens: Jedes Kreditinstitut muss für sich eine Strategie zur nachhaltigen Reduktion des Gesamtvolumens von Fremdwährungs- und Tilgungsträgerkrediten entwickeln und deren Entwicklung sowie Einhaltung laufend überprüfen. Im Rahmen dessen sollen Kunden, die ihr Risiko aus einem Fremdwährungs- oder Tilgungsträgerkredit reduzieren wollen, aktiv unterstützt werden. Die Entscheidung zu einer Änderung im Kreditvertrag kann in jedem Fall nur im Einverständnis mit dem Verbraucher erfolgen. Dieser soll laufend über seine Risikosituation informiert und aufgeklärt werden, wobei er auf alternative Produkte zur Risikoreduktion aufmerksam zu machen ist. 

Verstärkte Information: Angemessene Erläuterungen zu den wichtigsten Merkmalen von Fremdwährungs- und Tilgungsträgerkrediten sollen Verbraucher in die Lage versetzen, selbst eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Dabei soll insbesondere auf die Konsequenzen bei Zahlungsverzug hingewiesen werden. Die Kreditinstitute müssen auch deutlich machen, dass am Laufzeitende trotz regelmäßiger Zahlungen in einen Tilgungsträger ein Restbetrag offen bleiben kann, der vom Kreditnehmer abgedeckt werden muss.
Die FMA ist überzeugt, mit dem von ihr entwickelten Bündel an Maßnahmen einen wesentlichen Beitrag zur Begrenzung der bestehenden und künftigen Risiken bei dieser Finanzierungsform zu leisten – und zwar sowohl für die Kreditgeber als auch für die Kreditnehmer.

Mag. Helmut Ettl ist Vorstandsdirektor der Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA).