Thema: Basel IV

Neuer Anlauf für Basel IV - Was ist geplant?

Heft 2/2016

Im Dezember 2015 veröffentlichte der Basler Ausschuss ein überarbeitetes Konsultationspapier für die Bemessung des Kreditrisikos. Obwohl in manchen Bereichen im Vergleich zum 1. Konsultationsdokument durchaus Verbesserungen erzielt wurden, bleibt das geplante neue Regime in vielen Regelungsbereichen komplex und überschießend.

1. Hintergrund

Ende 2014 hat der Basler Ausschuss sein erstes Dokument zur Überarbeitung des Kreditrisikostandardansatzes veröffentlicht (siehe Raiffeisenblatt Ausgabe 4/2015). Mit diesem Vorhaben verfolgt der Basler Ausschuss das Ziel, die Vergleichbarkeit und die Risikosensitivität des Standardansatzes zu erhöhen.
Die Rückmeldungen der Kreditwirtschaft zur ersten Konsultation sind überaus kritisch ausgefallen. Der einhellige Tenor bestand darin, dass die geplanten Änderungen in den wesentlichen Bereichen komplex, nicht zu Ende gedacht und in ihren Auswirkungen unangemessen seien. Der Basler Ausschuss veröffentlichte daher im Dezember 2015 ein zweites Konsultationspapier, um die schwerwiegenden Bedenken der Industrie in ihre weiteren Arbeiten einfließen zu lassen.

2. Forderungen an Banken

Entgegen dem ersten Konsultationspapier stellt der Basler Ausschuss bei Bank- und Unternehmensfinanzierungen wieder auf externe Ratings ab.
Bei Bankfinanzierungen wird das Risikogewicht danach bestimmt, ob die Rechtsordnung eines Mitgliedstaates die Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht oder nicht. Für Forderungen an Banken mit Sitz in jenen Mitgliedstaaten, deren Rechtsordnung die Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht, wird ein eigener Ansatz herangezogen (1). Wie bereits im geltenden Recht, bewegt sich in diesem Ansatz die Bandbreite der Risikogewichte zwischen 20 und 150%.
Für Forderungen an Banken mit Sitz in jenen Mitgliedstaaten, deren Rechtsordnung keine Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht und für Forderungen an Banken, wo die Gegenpartei nicht geratet ist, kommt ein eigener Ansatz zur Anwendung (2). In diesem sind drei Risikoklassen vorgesehen, die Risikogewichte zwischen 20 und 150% festgelegen.
Für kurzfristige Interbankenforderungen (bis zu 3 Monaten) sieht das Konsultationspapier die Beibehaltung begünstigter Risikogewichte vor. Die geltenden Vorschriften sehen bei Risikopositionen gegenüber nicht gerateten Instituten die Zuweisung der Bonitätsstufe des (Sitz-)Mitgliedstaats vor. Die Ober- und Untergrenze der Risikogewichte entsprechen dagegen den Vorschlägen des Basler Ausschusses.
Eine Verschärfung weisen die dargestellten neuen Ansätze im Vergleich zum geltenden Recht jedoch dahingehend auf, dass jedes Kreditinstitut bei der Risikobewertung der Kreditforderung zusätzlich eine interne Bewertung der Kreditforderung („Due Diligence“-Prüfung) durchzuführen hat. Mit diesem zusätzlichen Erfordernis soll bezweckt werden, dass das auf Basis des externen Ratings angesetzte Risikogewicht das „wahre“ Kreditrisiko auch ausreichend abbildet.
Durchgängig konsequent wird dieser Ansatz vom Basler Ausschuss aber auch nicht verfolgt. Denn führt die „Due Diligence“-Prüfung zu einem niedrigeren Risikogewicht als das verwendete externe Rating, so muss trotzdem die höhere Risikogewichtung des externen Ratings angesetzt werden. Für den umgekehrten Fall soll dies aber nicht gelten. Führt die „Due Diligence“-Prüfung zu einem höheren Risikogewicht als das verwendete externe Rating, so muss die im Zuge des „Due Diligence“-Verfahrens ermittelte höhere Risikogewichtung Anwendung finden.
Abgesehen von diesem Mangel beim „Due Diligence“-Verfahren stellt sich hier ganz grundsätzlich die Frage, wozu externe Ratings verwendet werden sollen, wenn erst wieder eine interne Bewertung der Kreditforderung in Form einer „Due Diligence“-Prüfung seitens des Kreditinstituts durchzuführen ist.

3. Forderungen an Unternehmen

Auch bei der Risikobewertung von Unternehmensfinanzierungen sollen wieder externe Ratings angewendet werden. Wie bei Forderungen an Banken hängt die Risikogewichtung davon ab, ob die Rechtsordnung eines Mitgliedstaates die Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht oder nicht.
Für Forderungen an Unternehmen mit Sitz in jenen Mitgliedstaaten, deren Rechtsordnung die Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht, erfolgt die Risikogewichtung auf der Grundlage einer vorgegebenen Tabelle. Diesen Ansatz sieht das bestehende Aufsichtsrecht schon jetzt für die Bonitätsbeurteilung vor, und auch die vorgeschlagenen  Risikogewichte decken sich mit jenen nach geltendem Recht.
Für Forderungen an Unternehmen mit Sitz in jenen Mitgliedstaaten, deren Rechtsordnung keine Nutzung von externen Ratings zu Aufsichtszwecken vorsieht, legt das Konsultationspapier für Forderungen an Unternehmen ein Risikogewicht von 100% fest, sofern sich der Schuldner nicht in Zahlungsverzug befindet. Dieser Ansatz entspricht im Wesentlichen auch dem bisherigen CRR-Regime.
Darüber hinaus muss das Kreditinstitut wie bei Bankenfinanzierungen zusätzlich immer eine interne Bewertung der Kreditforderung („Due Diligence“-Prüfung) durchführen. Auch hier gilt: Führt die „Due Diligence“-Prüfung zu einem niedrigeren Risikogewicht als das verwendete externe Rating, so ist dennoch das höhere Risikogewicht des externen Ratings anzusetzen. Führt die „Due Diligence“-Prüfung zu einem höheren Risikogewicht als das verwendete externe Rating, so muss die höhere Risikogewichtung des „Due Diligence“-Verfahrens herangezogen werden.
Für Forderungen an KMU schlägt das Konsultationspapier ein Risikogewicht in der Höhe von 85% vor, sofern sich der Jahresumsatz des Unternehmens unter 50 Mio. EUR beläuft. Für KMU-Finanzierungen von Unternehmen, die über 50 Mio. EUR Jahresumsatz aufweisen, sind 100% Risikogewichte anzusetzen. Der „balancing factor“, der im geltenden Recht für reduzierte Risikogewichte bei der KMU-Finanzierung sorgt, müsste bei diesen neuen Vorschriften auf EU-Ebene weiterhin verteidigt werden.

4. Retailkredite

Für Retailkredite wird vorgeschlagen, dass sowohl das Risikogewicht von derzeit 75% als auch die Kriterien, wann eine solche Retailfinanzierung (insbesondere der Schwellenwert bis 1 Mio. EUR) vorliegt, in der jetzigen Form bestehen bleiben sollen.
Die Beibehaltung unterliegt allerdings der Einschränkung, dass keine einzelne Retailforderung mehr als 0,2% des Gesamtportfolios aller Retailforderungen ausmachen darf (sog. Granularitätskriterium). Bei diesem Kriterium handelte es sich bisher nur um eine bloße Empfehlung des Basler Ausschusses, zukünftig soll es nach den Basler Vorschlägen als zusätzliches Erfordernis für das begünstigte Risikogewicht ausgestaltet werden. Um das günstige Risikogewicht von 75% bis zur Retailobergrenze von 1 Mio. EUR ausschöpfen zu können, würde eine Bank ein Retailportfolio von mindestens 500 Mio. EUR benötigen. Dieses zusätzliche Granularitätskriterium würde sich insbesondere für kleinere Raiffeisenbanken nachteilig auswirken. Zwar besteht ein nationales Aufsichtswahlrecht, eine andere Methode vorzusehen, allerdings kann von der Ausübung eines solchen Wahlrechts nicht zwingend ausgegangen werden. Erfüllen Retailkredite die erwähnten Voraussetzungen für eine günstige Risikogewichtung nicht, sind sie mit 100% anzusetzen.

5. Spezialfinanzierungen

Nach Ansicht des Basler Ausschusses sind spezielle Formen der Projekt- und Objektfinanzierungen mit einem höheren Ausfallrisiko behaftet und daher auch höher zu gewichten. Solche Spezialfinanzierungen sind im aktuellen Aufsichtsrecht nicht geregelt.
Sofern ein externes Rating für diese neu geschaffene Risikopositionsklasse existiert, kann dieses für die Zwecke der Risikogewichtung herangezogen werden. Für den Fall, dass kein externes Rating vorliegt oder ein solches auf Basis der nationalen Rechtsordnung eines Mitgliedstaates nicht verwendet werden darf, ist für Projektfinanzierungen in der voroperationalen Phase ein Risikogewicht von 150% und später in der operationalen Phase ein Risikogewicht von 100% anzusetzen. Für Objektfinanzierungen sieht das Konsultationsdokument ein Risikogewicht von 120% vor.

6. Beteiligungen, nachrangiges Kapital und andere Kapitalinstrumente

Nach geltendem Recht sind Beteiligungen an Nichtbanken mit einem Risikogewicht von 100% zu gewichten. Nach dem Papier des Basler Ausschusses soll für Beteiligungen an Nichtbanken (z.B. Aktien börsenotierter Unternehmen) ein Risikogewicht von 250% vorgesehen werden. Für nachrangiges Kapital und andere Kapitalinstrumente ist nach den Vorschlägen des Basler Ausschusses ein Risikogewicht von 150% anzusetzen. Im Ergebnis bedeutet dies einen deutlichen Anstieg der Risikogewichte bei Beteiligungen, der vom Basler Ausschuss aber nicht genauer begründet wird.

7. Durch Wohnimmobilien besicherte Forderungen

Für Kredite im Bereich der Wohnimmobilien wird nur die sogenannte Loan-to-value-Ratio (LTV-Ratio) als Indikator zur Risikomessung herangezogen. Diese beschreibt das prozentuelle Verhältnis der Kreditforderung zum Wert der von Kreditnehmern gestellten Immobiliensicherheit. Je niedriger der errechnete Prozentwert ausfällt, desto geringer das Ausfallsrisiko für den Kreditgeber.
Grundsätzlich ist nach der Konsultation zu unterscheiden, ob die Kreditrückzahlung vom aus der Wohnimmobilie generierten Cashflow abhängig ist oder nicht. In jenen Fällen, bei denen keine Abhängigkeit der Rückzahlung vom Cashflow der Wohnimmobilie besteht, sind unter Zugrundelegung der LTV-Ratio Risikogewichte von 25 bis 85% vorgesehen. In jenen Fällen, bei denen eine Abhängigkeit der Rückzahlung vom Cashflow der Immobilie gegeben ist, sind Risikogewichte von 70 bis 120% anzusetzen. Nach der geltenden CRR kommt bei durch Wohnimmobilien besicherten Risikopositionen ein 35%-iges Risikogewicht zur Anwendung. Das vorgeschlagene Regime würde daher im Durchschnitt zu Erhöhungen der Risikogewichte führen.

8. Durch Gewerbeimmobilien besicherte Forderungen

Bei durch Gewerbeimmobilien besicherten Risikopositionen besteht nach derzeitiger Rechtslage nach der CRR ein Risikogewicht von 50%.
Auch bei dieser Risikopositionsklasse soll die LTV-Ratio zur Risikomessung herangezogen und zwischen Krediten, bei denen die Rückzahlung vom aus der Immobilie generierten Cash Flow abhängig ist oder nicht, unterschieden werden.
Falls keine Abhängigkeit der Rückzahlung vom Cashflow der Gewerbeimmobilie besteht, sind unter Zugrundelegung der LTV-Ratio Risikogewichte von 60 bis 85% vorzusehen. Bei bestehender Abhängigkeit der Rückzahlung vom Cashflow der Gewerbeimmobilie werden Risikogewichte von 80 bis 130% festgelegt.
Nicht übersehen werden darf, dass bei ohnehin schon höheren Risikogewichten sowohl bei durch Gewerbe- als auch bei durch Wohnimmobilien besicherten Forderungen immer noch zusätzliche Kriterien seitens der Kreditinstitute Berücksichtigung finden müssen, deren Nichterfüllung eine weitere Erhöhung der Risikogewichte auf 150% zur Folge haben können. So muss beispielsweise die Immobilie grundsätzlich fertig gebaut sein -sowie eine entsprechende Dokumentation des Kreditgewährungsprozesses vorliegen. Im Immobilienbereich kann es daher zu Verschärfungen kommen. Dies wird durch die Grafik besonders veranschaulicht.

Grafik

9. Fremdwährungskredite

Nach Ansicht des Basler Ausschusses sollen künftig auch Forderungen aus Fremdwährungskrediten mit einem speziellen Risikogewicht anzusetzen sein, indem für diese neu geschaffene Risikopositionsklasse ein zusätzliches Risikogewicht in der Höhe von 50% zur Anwendung kommt. Die Höhe des Risikogewichts für einen Fremdwährungskredit soll unter Berücksichtigung dieses Zuschlags insgesamt aber nie höher als 150% sein.
Ein Kredit gilt dann als Fremdwährungskredit, wenn dieser in einer anderen Währung als jener der Einkommensquelle des Kreditnehmers ausbezahlt wird.

10. Ausblick

Die Konsultationsfrist endet Mitte März 2016. Der Fachverband wird eine Stellungnahme für die Raiffeisenbanken abgeben und sich für Erleichterungen einsetzen. Der finale Kreditrisikostandardansatz soll Ende 2016 nach der Durchführung einer Auswirkungsstudie veröffentlicht werden. Anschließend wird in der EU über die Umsetzung dieser Maßnahmen diskutiert.

1) Sog. External Credit Risk Assessment Approach (ECRA).
2) Sog. Standardised Credit Risk Assessment Approach (SCRA).
 

Dr. Johannes Rehulka ist Geschäftsführer des Fachverbandes der Raiffeisenbanken.
Dr. Thomas Schmatzberger, LL.M. ist Mitarbeiter im Fachverband der Raiffeisenbanken.