Thema: Basel IV

Auswirkungen von Basel IV auf den Standort Österreich


Schneider FH-Hon.Prof. Dr. Dr. Herwig W. Schneider, Heft 7-8/2019

Beteiligungen von Banken an Unternehmen haben für die österreichische Wirtschaftsentwicklung eine bedeutende Rolle gespielt. Auch heute halten heimische Banken als Kernaktionäre und strategische Eigentümer Anteile an Unternehmen und fördern dadurch deren positive Entwicklung. Diese für wichtige österreichische Unternehmen und damit für die gesamte Volkswirtschaft stabilitätsfördernde Funktion der Banken wird durch aktuelle Überlegungen, die Eigenmittelanforderungen an Banken bei Unternehmensbeteiligungen massiv zu erhöhen, bedroht.

Ursprünglich als Abrundung der Bestimmungen von „Basel III“ gedacht wurden in den Jahren 2015 bis 2017 vom Basler Ausschuss weitere Reformschritte vorgelegt, die als „Basel IV“ bezeichnet werden. Kontroverse Diskussionen haben die Umsetzung dieser Reformschritte verzögert, die Umsetzung von „Basel IV“ in europäisches Recht wird aber eine prioritäre Aufgabe der neuen EU-Kommission sein. Einer der umstrittenen Punkte in den bisherigen Entwürfen ist die Erhöhung der Eigenmittelanforderungen für Beteiligungen von Banken an anderen Banken und an Nicht-Finanzunternehmen; diese Beteiligungen waren bislang mit einem Risikogewicht von 100 % anzusetzen, künftig ist ein Risikogewicht von 250 % vorgesehen. Als Folge dieser Maßnahme ist mit einem (Teil-)Rückzug von Banken aus Unternehmensbeteiligungen zu rechnen.

In vielen Ländern spielen Bankbeteiligungen an (Industrie-)Unternehmen keine wesentliche Rolle; sie treten vielfach nur als Zwischenschritt bei Eigentümerwechsel, als Finanzierungsform in Wachstumsphasen oder als Folge der Umwandlung von nicht bedienten Krediten in Eigenkapital auf. Anders in Österreich, wo durch strategische Beteiligung von Banken an Unternehmen eine langfristig positive Unternehmensentwicklung abgesichert werden soll. Diese Beteiligungen bestehen oft an großen Unternehmen (sogenannten „Leitbetrieben“), die ein entsprechendes wirtschaftliches Gewicht und eine auch volkswirtschaftlich spür- und messbare Bedeutung haben.

Das Industriewissenschaftliche Institut (IWI) hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine in Österreich einmalige Datenbank über die Verknüpfung von Leitbetrieben mit ihrem externen Unternehmensumfeld und über deren interne Strukturen aufgebaut. Damit ist das IWI in der Lage, präzise nachzuzeichnen, wie Veränderungen bei diesen Leitbetrieben Auswirkungen auf den Standort Österreich haben. Diese Auswirkungen umfassen direkte Effekte (Produktion, Wertschöpfung, Beschäftigung in den Unternehmen selbst), indirekte Effekte (Zukauf von Vorleistungen) und induzierte Effekte (Konsumeffekte durch direkte und indirekte Beschäftigung sowie Investitionseffekte).

In enger Zusammenarbeit mit sechs ausgewählten österreichischen Leitbetrieben, an denen Banken in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt sind, hat das IWI in den vergangenen Monaten Szenarioberechnungen erstellt, die Auswirkungen veränderter Eigentümerstrukturen auf das Investitionsverhalten und die unternehmerischen Leistungsprofile in Österreich abschätzen sollen. Diese sechs Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Österreich, sind in verschiedenen Branchen tätig und überwiegend börsenotiert. Ihr Produktionswert liegt (Basis 2017) bei rund 12,5 Milliarden Euro und sie beschäftigen in Österreich rund 41.000 Mitarbeiter. Aufgrund von Modellrechnungen (Input-Output-Analysen) lässt sich zeigen, dass diese Unternehmen einen volkswirtschaftlichen Produktionswert (somit einschließlich indirekter und induzierter Effekte) von 25,7 Milliarden Euro erzielen, und deren gesamte Beschäftigungswirkung bei knapp 137.000 Arbeitsplätzen in Österreich liegt.

Drei Szenarien

Um die möglichen Auswirkungen einer durch Basel IV induzierten Änderung der Eigentümerstruktur auf die Unternehmen – und die daraus resultierenden, volkswirtschaftlichen Auswirkungen – bestmöglich quantifizieren zu können, hat das IWI drei Szenarien über einen zehnjährigen Zeitraum (2017-2027) verglichen.

In einem Basisszenario wurde die Weiterführung der bisherigen Unternehmenspolitik unterstellt, wobei diese - weiterhin auf langfristige Optimierung ausgerichtete - Politik durch eine unveränderte Eigentümerstruktur mit einem strategischen Bankpartner abgesichert wird. In diesem Szenario sorgt eine stabile Investitionsquote und eine anhaltende Produktivitäts- beziehungsweise Effizienzsteigerung für ein anhaltendes Unternehmenswachstum: Zum Ende des betrachteten Zeitraumes sollte sich somit der unmittelbare bzw. direkte Produktionswert der Unternehmen auf 19,3 Milliarden Euro und die korrespondierende Beschäftigtenzahl auf rund  49.000 Mitarbeiter erhöht haben. Einschließlich indirekter und induzierter Effekte könnte der Produktionswert gesamtwirtschaftlich auf 38,7 Milliarden Euro und die Beschäftigungswirkung auf 160.000 Mitarbeiter anwachsen.

Ein zweites Szenario geht davon aus, dass sich der Renditedruck auf die Unternehmen erhöht, die Leitbetriebe aber grundsätzlich erhalten bleiben. Denkbar ist etwa eine Erhöhung des Streubesitzes (bei börsenotierten Unternehmen), eine Verschiebung innerhalb der bestehenden Eigentümerstruktur oder ein erhöhter Druck der Bankeigentümer zur Ergebnissteigerung, um die erweiterten Eigenmittelerfordernisse zu refinanzieren. In diesem Fall würden die Investitionsquoten unter jene im Basisszenario fallen, sodass zum Ende des betrachteten Zeitraumes der direkte Produktionswert der Unternehmen bei 10,7 Milliarden Euro (gesamtwirtschaftlich 22,2 Milliarden Euro) liegen würde; die Beschäftigung würde auf unter 27.000 (bzw. unter 90.000) Mitarbeiter fallen.

Noch ungünstiger wäre die Entwicklung im dritten Szenario, bei dem Finanzinvestoren die Beteiligungen der Banken übernehmen. Die Investitionsquoten würden noch stärker reduziert, sodass innerhalb von zehn Jahren die direkte Produktion auf 9,1 (gesamtwirtschaftlich 18,8) Milliarden Euro sinkt und die Beschäftigung auf 22.600 (bzw. 75.700) Mitarbeiter sinkt. In diesem Szenario wäre aber grundsätzlich auch ein Fall denkbar, in dem ein großer (europäischer) Partner einsteigt und die Bank als strategischen Investor ablöst; dieser neue Partner könnte freilich auch wieder langfristige Optimierungsstrategien verfolgen; allerdings ist eine solche Entwicklung mit hohen Unsicherheiten behaftet.

Auswirkungen von Basel IV

Der Vergleich der drei Szenarien zeigt, dass „Basel IV“ auf österreichische Leitbetriebe eine enorme Auswirkung haben kann: Alleine bei den sechs hier betrachteten Unternehmen wäre ein volkswirtschaftlicher Produktionsverlust – als Summe der direkten, indirekten und induzierten Effekte – im Zeitraum von zehn Jahren von insgesamt bis zu 90 Milliarden Euro möglich. Im Durchschnitt würde die von den sechs Leitbetrieben gesamtwirtschaftlich generierte Produktion um rund neun Milliarden Euro pro Jahr geringer ausfallen.

Eine besondere Bedeutung hat die Entwicklung der Wertschöpfung in Österreich, als Quelle von Einkommen und Wohlstand. Im Basisszenario sollte die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung der sechs Unternehmen von 9,1 auf 13,8 Milliarden Euro anwachsen. In den beiden „Basel IV“-Szenarien sinkt hingegen die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung auf 7,9 bzw. 6,6 Milliarden Euro ab. Im Durchschnitt würde sohin Wertschöpfung im Ausmaß von 3,2 Milliarden Euro pro Jahr verloren gehen, bei Aggregation des volkswirtschaftlichen Schadens der einzelnen Jahre über den gesamten Zeitraum von 2017 bis 2027 errechnet sich ein Gesamtverlust an heimischer Wertschöpfung von 32,3 Milliarden Euro.

 

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Hinsichtlich der Beschäftigung sind die Worst-case-Auswirkungen nicht weniger gravierend: Im Vergleich zum Basisszenario, das ein konstantes Beschäftigtenwachstum sieht, würden am Ende des betrachteten Zeitraums um 84.300 Arbeitsplätze weniger in der österreichischen Wirtschaft abgesichert. Alleine an den heimischen Standorten der betrachteten Leitbetriebe würden innerhalb von zehn Jahren bis zu 18.400 Arbeitsplätze abgebaut, somit rund 45 % der gegenwärtigen Mitarbeiterzahl.

Naturgemäß bleibt eine solche Veränderung nicht ohne Auswirkung auf das Steuer- und Abgabenaufkommen in Österreich: Im Vergleich zum Basisszenario halbiert sich im schlechtesten Fall die Steuer- und Abgabenleistung, womit den Steuerbehörden und der Sozialversicherung Einnahmen entgehen.

Die Untersuchungen des Industriewissenschaftlichen Instituts belegen, dass Eigentümerwechsel und damit verbundene Strategiewechsel bei österreichischen Leitbetrieben weitreichende Folgen für Investition, Produktion, Wertschöpfung, Einkommen, Beschäftigung und Steuerleistung haben können. Die gegenwärtige Rolle von Banken als auf langfristige Optimierung ausgerichtete Kernaktionäre sichert Leitbetrieben nicht nur in betriebswirtschaftlicher Hinsicht eine bestmögliche Unternehmensentwicklung am Standort Österreich, sondern bringt messbare Vorteile für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft.

Sofern neue aufsichtsrechtliche Regeln („Basel IV“) tatsächlich (Industrie-)Beteiligungen der Banken massiv verteuern (d.h. erschweren), sollten und die Banken ihre Beteiligungen abstoßen, werden kaum neue, strategische Partner in Österreich zu finden sein. Dann aber sind erhebliche Dellen in der Wirtschafts- und vor allem Industrieentwicklung in Österreich zu befürchten. Normalerweise können gerade die Leitbetriebe mit ihrem verästelten Vor- und Dienstleistungsverbund solche Dellen im Wirtschaftsverlauf ausgleichen – aber diese sind dann geschwächt. Zu hoffen ist, dass für die Frage der strategischen Unternehmensbeteiligungen in der europarechtlichen Umsetzung von „Basel IV“ doch noch eine sinnvolle Lösung gefunden wird.  Denn das Ziel von Eigenkapitalregeln für Banken kann nicht in einer Schwächung der Realwirtschaft liegen.

FH-Hon.Prof. Dr. Dr. Herwig W. Schneider ist Geschäftsführer des Industriewissenschaftlichen Institutes (IWI).