Thema: Basel IV

"Basel IV" ante portas

Heft 11/2013

Tower Kaum sind die Basel III-Regelungen in der EU beschlossen, bringt das Basler Komitee für Bankenaufsicht ein neues Konsultationspapier. In diesem Report wird untersucht, ob eine Vereinfachung der Regelungen möglich und sinnvoll ist. Experten sprechen bereits von „Basel IV“.

Als Reaktion auf die Krise hat der Basler Ausschuss in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die unter dem Titel „Basel III“ bekannt wurden. Auf über 1.000 Seiten wurden die Anforderungen an das Eigenkapital deutlich erhöht, einheitliche Liquiditätsvorschriften erlassen und die Compliance in den Banken gestärkt. Die EU hat diese Vorschriften im Frühjahr als CRR und CRD IV in den Europäischen Rechtsbestand übernommen. Bankenvertreter hatten freilich – nicht erst seit Basel III – darauf verwiesen, dass die Komplexität der Regulierung zu hohen Kosten führt, die in keinem Einklang zum Nutzen eines besseren Risikomanagements stehen.

Vereinfachung möglich?

Daher hat der Basler Ausschuss im Vorjahr eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die das Basler Regelwerk auf Möglichkeiten der Vereinfachung und besseren Vergleichbarkeit untersuchen sollte. Das erste Ergebnis dieser Untersuchung liegt nun auf – ungewöhnlich schlanken – 20 Seiten unter dem Titel „The regulatory frame-work: balancing risk sensivity, simplicity and comparability“ vor. Bereits im Vorwort betont der Basler Ausschuss allerdings, dass er die vollständige Implementierung des Basel III-Regelwerks zur Stärkung des Finanzsystems jedenfalls für unverzichtbar hält.
Wer sich von „Basel IV“ eine spürbare Vereinfachung der Regulierung erwartet, wird ohnedies bald enttäuscht. Schon bei den grundsätzlichen Überlegungen wird hervorgehoben, dass das Ziel der Einfachheit oft anderen wichtigeren Zielen der Beaufsichtigung widerspricht.
Einfachheit der Kapitalanforderungen ergibt sich aus zwei Quellen: aus kurzen und verständlichen Texten sowie aus einem übersichtlichen Berechnungsprozess. Allerdings werden die Regelungen komplizierter, wenn man auf unterschiedliche Situationen möglichst adäquate Rechtsfolgen finden möchte. So gibt es im Basel-Regelwerk meist differenzierte Ansätze und Methoden, um den unterschiedlichen Größen und Geschäftsmodellen der Banken gerecht werden zu können.
Das Ziel eines möglichst effizienten und -gerechten Regelwerks erfordert auch eine umfassende Vergleichbarkeit. Diese hat zum Ziel, dass für zwei Banken mit vergleichbarem Portfolio auch die gleichen Anforderungen gelten. Darüber hinaus sollen vergleichbare Risken auch über Jahre hinaus den selben Anforderungen unterliegen. Nationale Ausnahmen konterkarieren nach Meinung der Arbeitsgruppe jedoch diese Ziele, weil sie zwar regionalen Besonderheiten gerecht werden, aber die Vergleichbarkeit vermindern. Schließlich soll das Regelwerk auch risikosensitiv sein, also stabile Banken geringeren Anforderungen unterwerfen als risikofreudige Banken. Dieses Ziel kann unterlaufen werden, wenn Banken die Regelungen mit maßgeschneiderten Modellen bewusst umgehen, warnt der Report.

Die Folgen der Komplexität

Kritisch wird angemerkt, dass komplexe Regelungen ihr Ziel nicht erreichen, wenn die Investoren die Wirkungsweise der Regulierung nicht mehr verstehen. Auch für die Aufsicht können sich Probleme aus zu komplexen Anforderungen ergeben, weil die Aussagen der Daten möglicherweise nicht mehr eindeutig zu interpretieren sind.
Bei der Suche nach den Treibern für Komplexität wird auf die Innovationskraft der Märkte verwiesen. Neue, komplexe Produkte erfordern nach Meinung der Studienautoren komplexere Regulierungen. Die Hauptursache der Komplexität orten die Autoren allerdings in den internen Modellen der Banken. Diese seien so konstruiert, dass sich daraus ein möglichst geringer Eigenkapitalbedarf der Bank ergibt.
In überraschender Offenheit wird eingestanden, dass die hohe Komplexität der Anforderungen eine Reihe von negativen Konsequenzen hat. So werden hochkomplexe Risiko-Messmethoden möglicherweise nur mehr von mathematisch hochbegabten Risikomanagern verstanden, was dem Vorstand eine fundierte Einschätzung der Risikosituation der Bank erschwert. Weiters wird angeführt, dass mathematische Modelle auch auf falschen Annahmen beruhen können. Außerdem dürfe nicht übersehen werden, dass Regulierung zu falschen Anreizen führen kann (unausgesprochen, aber wohl gemeint: Weil Anleihen von EU-Ländern von einer Nullgewichtung profitieren, haben viele Banken in griechische Papiere investiert). Jedenfalls werde das Kapitalmanagement durch komplexe Kapitalbestimmungen unübersichtlicher und damit fehleranfälliger.

Vorschläge zum Abbau der Komplexität

Daher macht die Arbeitsgruppe (noch oberflächliche) Vorschläge, mit denen die Komplexität der Regulierung verringert und die Vergleichbarkeit der Anforderungen gesteigert werden könnte. So sollte das Prinzip der Einfachheit als eigenes Ziel anerkannt werden. Jede neue Regel müsste dann auf ihre einfache Anwendbarkeit geprüft werden. Durch eine verbesserte Offenlegung in der Säule 3 mit zusätzlichen Messgrößen würden Investoren einen klareren Überblick über die Risikosituation einer Bank bekommen. Für die Vergleichbarkeit wird es dabei entscheidend sein, auf standardisierte, leicht verständliche Messmethoden zu setzen. Bei der Kapital-Richtlinie könnte dies beispielsweise eine Kombination aus einer international anerkannten Leverage Ratio und dem IRB-Ansatz sein. Interne Modelle und nationale Abweichungen müssten dabei allerdings weitgehend zurückgedrängt werden.
Letztlich verweist die Arbeitsgruppe nochmals auf die Tatsache, dass komplexe Regulierung nur die Antwort auf die gestiegene Komplexität der Bankgeschäfte ist. Möchte man diese reduzieren, müsste es schon bei der Produktentwicklung mehr Einfluss der Aufsicht geben. Außerdem müssten Bankgeschäfte beschnitten werden, die nicht einem traditionellen Geschäftsmodell entsprechen und die internationale Verflechtung der Bankgeschäfte reduziert werden.
Ob und wann diese Überlegungen zum Abbau der Komplexität tatsächlich Eingang in die Regulierung finden werden, bleibt freilich abzuwarten. An der umfassenden Umsetzung des aktuellen Basel III-Regelwerks will die Arbeitsgruppe jedenfalls festhalten.